Mal was zum Wetter: Endlich mal wieder richtig Sommer

Auf Twitter beschweren sie sich, es wäre zu heiß. Sicher: In der letzten Nacht hab ich schlecht geschlafen, und über Tag weiß ich manchmal nicht, wohin mit mir. Aber das war auch schon mal früher so, und da nannte man das Hochsommer und motzte deswegen nicht die ganze Republik zusammen.

Gestern war es richtig heiß in Marburg. Aber so gegen viertel vor sechs musste ich aus dem Haus zum Niederländisch-Stammtisch und schließlich noch zum Stammtisch unserer Bezirksgruppe des Blinden- und Sehbehindertenbundes. Und als ich aus dem Haus trat überfiel mich der Sommer mit wohltuender Wärme. Klar wurde mir später heiß, aber erst mal wurde mir warm ums Herz. So mag ich Sommer, die Menschen sind gleich ganz anders drauf. Während ich auf Twitter und Facebook viele Beschwerden über das Wetter las, waren die Menschen, denen ich begegnete, fröhlich und freundlich. Das hat großen Spaß gemacht.

Man wird ja älter, auch ich leider, und ich vertrage heiße Tage nicht mehr so gut wie früher, aber spät abends, noch nach Mitternacht, saßen wir bei herrlichen Temperaturen auf unserem Balkon und tranken ein Gläschen Wein. Wie gern hätte ich in unserem alten Ferienhäuschen in den Niederlanden gesessen und dem Nachtgetier gelauscht, aber unser Balkon ist ein wenn auch nicht ganz vollwertiger, so doch ein würdiger Ersatz. Mit einem humorvollen Hörspiel der Serie „Professor van Dusen“ bewaffnet, ein Glas Wein auf dem Tisch, so konnten wir diese herrliche Sommernacht genießen, meine Liebste und ich.

Natürlich war es später nicht einfach, einzuschlafen, aber diese stille, intensiv duftende, schwere und doch leichte, fröhliche und sinnliche Sommernacht, dieses schöne Erlebnis, kann mir jedenfalls keiner mehr nehmen.

Ich wünsche euch viel Freude mit dem Wetter, dem Sommer und, wenn vorhanden, der freien Zeit, um ihn auch richtig zu genießen.

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Die Musikplatte ist abgekabelt

So langsam klingt der Tag aus. In den letzten zwei Wochen haben wir viel gearbeitet. 6 Hörspielsendungen, ein Schwerpunkt, jede Woche 1 Candlelight-Sendung, 2 Zeitzonen, jeweils 2 aktuelle Berichte, eine Klangfarbensendung, drei historische Beiträge, 2 Literaturecken, und nebenbei der Anfang einer Arbeit zum Relaunch der Ohrfunkseite. Meine Liebste musste auch für den Blindenbund arbeiten, deren Vorsitzende sie in Marburg ist. Jetzt aber ist alles wesentliche einigermaßen erledigt, und ich könnte mich einfach mal hinsetzen und ein wenig Musik hören, aber meine Festplatte mit der Musik ist abgekabelt. Und obwohl das bedeutet, dass ich jetzt keine Musik höre, freut mich das ungemein.

Morgen werde ich früh aufstehen müssen. Die Zeitzone werde ich heute abend noch produzieren, obwohl ich das sonst immer morgens um 6 mache. Aber morgen werde ich um diese Zeit schon damit beschäftigt sein, einen Kaffee zu trinken, den Müll rauszutragen, noch mal zu spülen oder abzutrocknen, zu schauen, ob alle Fenster geschlossen sind, die letzten Dinge einzupacken. Darunter ist dann auch die Musikplatte, die ich heute abgekabelt habe. Denn morgen werde ich für 4 Wochen die Stadt und das Land verlassen. Endlich ist es wieder so weit: Wir fahren in die Niederlande, wo ich seit 33 Jahren mein zweites Zuhause habe, wo ein Teil meines Herzens für immer zurückgeblieben ist. Das Wetter soll in den nächsten Tagen ja gar nicht gut sein, uns wird es nicht kümmern. Es werden auch schöne Tage kommen, und wir werden sie genießen. Es ist neben dem Jahresfest unseres Freundeskreises der absolute Höhepunkt des Jahres für mich. Es ist eine „sentimental journey home“, eine Heimkehr an einen Ort, wo der Alltagsstress meistens nicht existiert. Von welchem Ort, an dem man mal die Hälfte seines Lebens verbracht hat, kann man das schon sagen?

Mitten im Hochwald, nahe eines Wassersportnaherholungsgebietes, inmitten der vogelreichsten Region West- und Mitteleuropas, liegt unser Urlaubsort Heelderpeel. Das Wort „Urlaubsort“ kommt mir nur schwer über die Lippen, weil es sich für mich eben eigentlich nach Heimat anhört, auch wenn ich nur noch wenige Wochen im Jahr dort verbringe. Aber um diese Wochen zu ermöglichen bin ich bereit, auf viele Annehmlichkeiten zu verzichten, damit ich mir das auch finanziell leisten kann. Es ist die reinste Erholung und wohltuende Stille, die ich mir wünschen kann.

Bis ins Jahr 1999 haben wir eigentlich immer den ganzen Sommer dort verbracht. Noch heute fühle ich die Sonne auf meiner Haut, rieche den Duft des Waldes, der anders ist als der Duft des Feldes, den wir riechen, wenn wir nur ein paar hundert Meter ins Umland spazieren. Ich höre die Nachbarn noch Hämmern und Sägen, wenn an ihren kleinen Ferienhäuschen etwas ausgebessert werden muss. Das Radio bringt Popmusik, Nachrichten und Werbung, im See hinterm Haus planschen die Enten und Kinder, und sie jauchzen und lachen. Morgens begann damals der Tag mit fernem Hahnenschrei und dem Jubilieren unendlich vieler Vögel, und das werde ich ab übermorgen wieder erleben. Damals hatten wir dort selbst ein Haus, das meine Eltern gebaut hatten, aber wir mussten es 2006 abreißen lassen, nach 24 Jahren, weil es kaputt war und niemand mehr lebte, der es kostengünstig reparieren konnte. Doch wir können uns nicht trennen und fahren jedes Jahr hin, um dort Urlaub zu machen, wo wir früher jede, absolut jede freie Minute verbrachten. Das Schöne daran ist, dass wir auf der einen Seite nach hause kommen, die vertrauten Dinge wieder erleben, uns darüber freuen, dass auch in diesem Jahr an unserem gemieteten Häuschen, wir mieten immer dasselbe Häuschen, noch ein Spatzennest zu finden ist, dass wir aber andererseits den Urlaub als Urlaub genießen und völlig ohne Alltagssorgen die Zeit verbringen können. Wir können mit Nachbarn plaudern, die wir seit Jahren kennen, wir können ins Restaurant gehen, das neu eröffnet und sich damit verändert hat, wir können die Schönheit des Ortes bestaunen und als völlig
selbstverständlich zugleich erleben.

Morgens werden wir mit den Vögeln aufwachen, ihnen lauschen und uns wieder herumdrehen, wenn wir wollen. Dann werden wir in aller Ruhe frühstücken, und das kleine, dünnwandige Haus wird den Wind und den Regen abhalten, den Schall, die Rufe, das Vogelgezwitscher, den Klang des Oldtimers, der zweimal am Tag vorbei tuckert, aber durchlassen. Wir werden Musik, Bücher und Filme konsumieren, die wir übers Jahr haben liegen lassen, aber wir werden auch viel durch Wald und Feld spazieren, Menschen begegnen, die wir seit 30 Jahren kennen, die ganz normale Dinge erzählen, als wären wir nie weg gewesen.

Und wir werden abends am See sitzen, wo die Frösche ihr Konzert anstimmen, werden uns verzaubern lassen von ihrem alles füllenden gequake, werden bei einem Glas Wein die Herrschaft der Natur genießen.

Ein Computer? Ja, inzwischen reisen wir mit einem Laptop. Früher hatten wir weder Computer noch Telefon dort. Wenn wir anrufen wollten, standen wir manchmal eine halbe Stunde vor der Telefonzelle, bis sie frei war. Damals hat mich das genervt, heute empfinde ich eine wundervolle Nostalgie bei dieser Erinnerung. Also: Ja, wir haben einen Computer, und Freunde von uns lassen uns sogar über ihr WLan ins Internet. Aber das brauchen wir vor allem, um Radio zu hören, und ich werde in diesen Wochen über Mail nicht erreichbar sein. Und ja: Seit es die Telefonzelle nicht mehr gibt, haben wir für den Notfall auch ein Handy, doch es gibt höchstens vier Menschen, die unsere Nummer haben, und sie wissen, dass sie uns nur im Notfall anrufen sollen. Der Alltag ist verbannt.

Morgen gegen 8 Uhr kommt ein Freund von uns. Wir werden unser Gepäck in sein Auto laden, und dann wird es endlich so weit sein. Ich fühle schon, wie der Stress von mir abfällt, auch wenn ich gleich noch eine Sendung produzieren muss. Schon morgen abend könnten wir über den Campingplatz gehen, die kleinen Grillfeuer riechen, Menschen dabei zuhören, wie sie spielen, plaudern und lachen, durch Wald und Feld streifen und das Leben genießen. Und darauf freue ich mich schon jetzt.

Die Musikplatte ist abgekabelt. Wir haben eine riesige Menge an Lebensmitteln eingekauft, weil wir ja kein Auto haben und der nächste Supermarkt rund 6 Kilometer entfernt ist. Alles Andere ist bereits verpackt. Für 4 Wochen wird das marburger Ohrfunkstudio schweigen, aber den Hörern wird es nur begrenzt auffallen, einiges haben wir ja für unsere Urlaubszeit vorproduziert. Alles ist getan, der Urlaub kann beginnen.

Ich wünsche Ihnen und euch eine tolle Zeit, bis wir uns wieder lesen!

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Endlich: In Marburg gibt es einen Niederländischstammtisch, und ich bin irgendwie dabei

Dass ich die Niederlande als meine zweite Heimat betrachte, hat ja nun jeder hier schon mehrfach gelesen. Dumm war in den letzten Jahren nur, dass ich kaum die Gelegenheit hatte, niederländisch zu sprechen, sodass meine Vokabeln ziemlich einrosteten. Es gab nur zwei Gelegenheiten, dieser Sprache zu fröhnen: Einmal während meines jährlichen Urlaubs dort, und einmal mit meinem Freund und Radiokollegen Markus, der aber selbst auch deutscher ist. Wenn wir miteinander quatschen, wechseln wir oft innerhalb eines Gespräches mehrfach die Sprache, ganz spielerisch und nicht, weil uns eine Vokabel fehlt oder so. Trotzdem ist es etwas anderes, mit einem Muttersprachler oder einer Muttersprachlerin zu sprechen.

Und dann war da diese Mittwochsrunde im November 2014. Unser Gastgeber Franz-Josef Hanke stellte uns seine Praktikantin Vor. Diese junge Frau, so stellte sich heraus, hatte in den Niederlanden ein Jahr verbracht und sprach niederländisch. Und als ob das nicht genug wäre erzählte sie mir, sie habe mit einigen anderen Studentinnen einen Niederländischstammtisch in Marburg gegründet. Immer wieder seien auch Studenten und Studentinnen aus den Niederlanden dabei, die in Marburg deutsch studierten, oder zumindest ein oder zwei Semester hier verbrachten. Ich war baff und erfreut, aber leider dauerte es noch bis Anfang 2015, bis ich zum ersten mal an diesem Niederländischstammtisch teilnehmen konnte.

Jeden Donnerstag um 20 Uhr treffen wir uns im Caveau, einer kleinen Kneipe in der marburger Oberstadt, wo man uns einen Platz reserviert. Offenbar haben sie dort Erfahrung mit Sprachstammtischen, es gibt ein französisches Pendant zu unserer Veranstaltung. Dort sitzen wir dann in froher Rund und plaudern fröhlich auf niederländisch vor uns hin.

So hatte ich mir das zumindest vorgestellt, aber ganz so einfach ist es nicht. Es geht schon mit den Problemen los, die ich immer mit einer Gruppe sehender Menschen habe: Ich kann keinen Blickkontakt aufnehmen, kann mich nicht mit den Augen in ein Gespräch einschalten. Außerdem bin ich natürlich erst einmal für alle der Blinde, ohne dass sie das böse meinen. Wenn ich erzähle, dass ich Journalist bin, ist das etwas Besonderes, nicht etwas normales. Ich muss auch etwas klamm und schwerfällig wirken: Bis heute bin ich froh, wenn wir uns an einem Ort treffen, den wir alle kennen, und gemeinsam zum Caveau gehen, denn obwohl ich den Weg im Groben inzwischen kenne, komme ich bislang noch nicht allein dorthin. Das verstärkt sicher den Eindruck meiner Hilflosigkeit. Dabei müsste ich mir nur einfach mal einen Nachmittag Zeit nehmen und den Weg allein und langsam gehen, bis ich mir Anhaltspunkte erarbeitet habe. Und dann sitze ich zwischen den Anderen um einen mehr oder minder gemütlichen Kneipentisch. Ich habe schon oft mit einigen Leuten zusammengesessen, die niederländisch sprachen, und ich habe mich am Gespräch beteiligt. Aber mir ist ein gravierender Unterschied aufgefallen: Es gab so gut wie keine Nebengeräusche. Das ist in der Kneipe anders, und hier macht sich mein teilweise schlechteres Gehör bemerkbar. In der Muttersprache ist es leichter auszugleichen, als in einer fremden, oder sagen wir, anderen Sprache, selbst wenn man sie recht gut kennt. Einige achten schon darauf und sprechen mich zwischendurch an, aber der normale, frisch-fröhliche Austausch, den ich mir erhoffte, findet bislang nur statt, wenn ich mit einer oder zwei Personen allein spreche. Ich habe mir schon überlegt, die ganze Runde mal zum Kaffee einzuladen. In ruhiger, zwangloser Atmosphäre wäre es sicher einfacher.

Es gab Zeiten, da hätte ich wegen solcher Schwierigkeiten das Handtuch geworfen und wäre nicht mehr hingegangen. Davon bin ich heute weit entfernt, zumal ich ja durchaus merke, dass sie auf mich Rücksicht nehmen wollen. Manchmal ärgert es mich nur maßlos, dass das überhaupt notwendig ist.

Zwei, manchmal drei, Stunden sitzen wir in netter Runde zusammen. Die meisten TeilnehmerInnen sind StudentInnen, und sie berichten von ihrem Uni-Alltag, von ihren Reisen, von ihren Sprachen, die sie mögen und sprechen. Es ist ein schönes Klima. Ich bin bei weitem der Älteste in der Runde. Wenn ich sie nach niederländischen Liedermachern wie Robert Long, Frank Boeijen und Rob de Nijs frage, haben sie diese Namen „… vielleicht …“ schon mal gehört. Damals, zu meiner Zeit, als ich in den Niederlanden fast die Hälfte des Jahres verbrachte, waren das große Namen. Einige können aber mit moderneren Gruppen wie BLØF etwas anfangen. Wenn ich über damalige Politiker rede oder über bekannte Radioleute wie Frits Spits, könnten sie auch aus einem fremden Land stammen, denke ich manchmal. Die Niederlande von heute, und das ist auch spannend, sind nicht unbedingt mehr die Niederlande, die ich kannte. Wenn ich dort bin, spreche ich meist mit älteren Menschen, das hat sich so ergeben. Die Truppe in meinem Stammtisch ist jung und lebt hier und heute, und längst nicht nur in ihrer Heimat.

Es gefällt mir gut, dass wir uns den ganzen Abend über in niederländischer sprache unterhalten. Alle versuchen wir, was wir zu sagen haben in niederländisch zu sagen, weichen eigentlich nie auf das deutsche aus. Manchmal müssen dann Dinge umschrieben werden, wir helfen uns gegenseitig mit Worten aus. Dabei merke ich dann oft, dass ich immer noch viele Vokabeln und ihre Übersetzung kann, vor allem, dass diese Übersetzung die aus der Lebenswirklichkeit ist, nicht die aus dem Wörterbuch. Einmal war ein Niederländischdozent bei uns. Nachdem ich mich einige Minuten mit ihm unterhielt, meinte er: „Du verwendest das Füllwort „nou“ (so was wie „nun“ oder „naja“) intuitiv vollkommen richtig, du sprichst die Sprache, ohne dabei nachdenken zu müssen.“ Ein schönes Kompliment, wenn es auch nicht ganz zutrifft, ich muss immer mal wieder nach Vokabeln suchen.

Mir gefällt unser Donnerstagsstammtisch, ich wünschte nur, ich könnte alle besser verstehen und mich mehr einbringen, nicht vor allem der sein, den man mitnehmen und zum Bus bringen muss, und den man direkt ansprechen muss, wenn man was von ihm will. Ich bin einer von mehreren, die sich zu diesem Stammtisch treffen. Irgendetwas verbindet uns alle mit dem Land oder der Sprache, die wir da gemeinsam sprechen. So eine Konversationsgruppe böte auch Gelegenheit, uns gegenseitig unseren Alltag nahezubringen, und zwar auf niederländisch. Aber während viele der Anderen einen Teil des Uni-Alltags teilen, falle ich da völlig raus. Sicher: Ich habe schon mal vom Ohrfunk erzählt, oder dass ich ein politisches Blog betreibe, aber in der netten, aber lauten Atmosphäre fällt es mir häufiger schwer, richtig in ein Gespräch zu kommen. Dabei hätte ich einige Fragen: Wie empfinden sie Deutschland im Gegensatz zu den Niederlanden heute, warum wollen sie gerade hier her? Können sie eigentlich mit dem modernen Königtum in ihrer Heimat etwas anfangen, oder freuen sie sich nur über ein Volksfest am Königstag? Mich interessieren auch so fragen wie die Meinung meiner
GesprächspartnerInnen zur Sterbehilfe in den Niederlanden, zum Neoliberalismus, der dort auch stark ausgeprägt ist, seit die Regierung von den Liberalen geführt wird, zum modernen Europa und zur Frage des Rechtspopulismus. Oder: Warum besetzen in Amsterdam StudentInnen ihre Uni? Was geschieht da gerade? Alles Fragen, die ich interessant finde. – Nun: Es gibt ja noch viele Donnerstage, und vielleicht lade ich sie ja doch einfach mal zum Kaffee ein. Es liegt auch und vor allem an mir, mich mehr einzubringen, denn normalerweise bin ich nicht dafür bekannt, besonders still zu sein. Schön finde ich jedenfalls, dass es diesen Stammtisch gibt. Es ist ein kleiner Urlaub in der Woche.

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Die Natur schaltet einen Gang runter, aber die Menschen nicht

Heute ist Frühlingsanfang, oder so ähnlich. Die sympathische junge Frau mittleren Alters, mit der ich mein Leben verbringe, hat Geburtstag, und eine partielle Sonnenfinsternis gibt es auch noch zu sehen. Nur zu sehen? – Wir wollen es genau wissen.

Morgens halb 10 in Deutschland, genauer in Marburg. Es ist der Moment, in dem die Sonne angefressen zu werden beginnt. Jackenbewehrt begeben wir uns auf den Balkon und setzen uns in die warme Sonne. Die Menschen arbeiten und plaudern, die Autos fahren, die Vögel singen. Was aber wird gleich geschehen? Gleich, wenn die Sonne fast vollständig verschluckt wird?

Eine viertel Stunde später haben wir den Eindruck, dass die Sonne irgendwie kleiner geworden ist, die Strahlkraft nimmt ab, aber weder Menschen noch Vögel kümmern sich darum. Die einen arbeiten, die anderen tirilieren weiter. Auch wir sind noch ganz normal, vielleicht ein wenig gespannt, aber nichts sonst.

Ich erinnere mich an die Sonnenfinsternis 1999, als ich draußen vor meinem elterlichen Haus in Solingen stand und erahnte, wie es dunkler und dunkler wurde, bis nur noch ein Dämmern übrig war. Die Natur war irritiert, die Menschen fasziniert. Wie würde es wohl heute sein?

Irgendwann bemerken wir eine subtile Veränderung. Einige Vögel werden leiser, andere melden sich seltener, ein kälterer Wind kommt auf, die wärmenden Strahlen der Sonne verschwinden mehr und mehr, aber nicht so, als ginge sie unter. Dieses Verblassen der Wärme ist anders als abends, und auch anders als wenn sich Wolken vor die Sonne schieben. Es ist langsamer, größer. Die Menschen scheinen gerade jetzt mehr Geschäftigkeit zu entfalten. Autos stehen mit laufendem Motor an der Straße, die Baustelle lärmt mehr, der Verkehr nimmt zu. Oder nimmt nur unsere Sensibilität zu, während sich die Sonne vorübergehend abwendet?

Die junge Frau mittleren Alters hört gegen halb elf die Amseln leise singen. Abendstimmung? Gute-Nacht-Lieder? Unbeeindruckt arbeiten die Menschen, überspielen die Stille hinter der Stille, wie meine spirituelle Frau es ausdrückt, eine Bezeichnung, der ich nur vollkommen zustimmen kann. Die Natur wird stiller, verstummt nicht ganz, wie auch die Sonne nicht ganz verschwindet. Sie bleibt, doch ein Gefühl unnatürlicher Verlassenheit ist spürbar. Das freundliche, warme Licht des Frühlings blinzelt kurz, und für uns ist es eine kalte halbe Stunde.

20 Minuten vor 11, als der dunkelste Punkt erreicht ist, fahren viele Autos, dröhnen große Maschinen von der Baustelle, nur wir sind vollkommen still und nehmen die Stille in uns auf, die trotz allem da ist. Und mehr gibt es nicht zu sagen.

Später dann, als nach einer knappen viertel Stunde die ersten spürbaren Strahlen zurückkehren, meldet sich laut eine nahe Meise. Sie begrüßt die Sonne, und wir begrüßen sie auch. Wie freuen wir uns über die Strahlen, die Wärme, die Freundlichkeit der Natur. Wir haben sie nicht lange missen müssen, und wir waren fasziniert von ihrer Abwesenheit, und doch haben wir sie vermisst.

Es war ein wunderschöner, spiritueller, faszinierender, interessanter Morgen.

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Ende eines langen Jahres

Ich sitze hier und genieße die letzten zwei Stunden meines Geburtstages. Im Rheinland ist Altweiberfastnacht, und ich warte auf morgen. Denn morgen ist der Anfang vom Ende meines Jahres.

Mein Jahr 2014 hat 420 Tage, und es endet am 15. Februar 2015 vermutlich so gegen 18 Uhr. Das kommt euch seltsam vor? Nun ja: Von eurem Standpunkt aus kann ich es verstehen, und auch für mich ist es nicht völlig normal. Normalerweise haben meine Jahre ungefähr so viele Tage wie eure Jahre, aber manchmal kommt eben etwas dazwischen.

Seit fast 30 Jahren haben meine engsten Freunde und ich eine gemeinsame Hitparade. Ein interessantes Hobby, man lernt viel Musik aus allen Teilen der Welt kennen. Woche für Woche gibt jeder von uns, wir sind 8 oder 9 Leute, eine persönliche Top 10 ab, und daraus errechnet ein Computerprogramm, das einer unserer Freunde geschrieben hat, eine gesamtliste. Normalerweise treffen wir uns immer am dritten Advent zur Jahresauswertung und zum gemeinsamen Jahresausklang. Das dreißigste Jahresfest war also für Mitte Dezember 2014 geplant. Doch zwei Freunde von uns, die in Hamburg leben, erwarteten ein Kind, das dann einen Tag vor dem vierten Advent geboren wurde. Deshalb entschieden wir uns, das Jahresfest 2014 auf Mitte Februar 2015 zu verlegen. Aber für diesen verschworenen Kreis enger Freunde ist das Jahr nicht zu Ende, wenn das Jahresfest noch nicht stattgefunden hat. Deshalb ist mein Jahr diesmal länger. Für uns ist dieses Treffen der Höhepunkt des Jahres, an dem wir uns von unseren wichtigsten Erlebnissen berichten, miteinander trauern und genießen, miteinander weinen und lachen.

Schon früh beginnt die Planungsphase, wenn irgendjemand die Ausrichtung übernimmt. Wir legen fest, wo das Fest stattfindet, über eine gemeinsame Kasse werden dann die Einkäufe getätigt, denn 8 Leute wollen drei Tage lang versorgt werden, ein Hund ebenfalls, und man muss ja auch, wie jetzt in Hamburg, irgendwie hin und zurück kommen und übernachten. In unserer Mailingliste häufen sich die organisatorischen Mails, kleine Andeutungen über die Jahreshitparade gehen hin und her und machen neugierig. Was dann an diesen drei Tagen geschieht, habe ich in meinem Hauptblog vor 4 Jahren einmal so beschrieben:

„Am Freitag vor dem Fest stehen die Räder in unseren normalen Leben plötzlich still. Wer von uns in einem festen Arbeitsverhältnis lebt, hat sich längst für diesen Tag und den folgenden Montag Urlaub genommen, meistens jedenfalls. Gegen Abend versammeln wir uns endlich bei kleinen Knabbereien, um uns in aller Ruhe zu begrüßen und erste Erlebnisse auszutauschen. Im Hintergrund läuft Musik, die es nicht unter die Top 25 unserer Jahresliste geschafft hat. Bei dieser Gelegenheit setze ich die Bowle an: Pfirsiche, Zucker, Weinbrand, Spätlese. Am nächsten Tag wird sie aufgefüllt und vollendet werden. Aus Hamburg, Wuppertal und Marburg kommen wir zusammen, um unser persönliches Jahr gemeinsam zu beschließen.

Was dann an den kommenden zwei Tagen geschieht, beschreiben wir immer als „Weihnachten und Silvester an einem Tag“. Und so ist es auch. Am Samstagmorgen treffen wir uns schon früh, Um 9 Uhr erklingt das Lied „Arrival“ von ABBA, und danach die Toccata von Sky. Damit beginnt offiziell unsere Jahreshitparade. An diesem ersten Tag spielen wir die Plätze 25 bis 11, und jede und jeder hat die Gelegenheit, von den ersten drei Quartalen des Jahres zu erzählen. Da werden fröhliche Erinnerungen ausgetauscht, da wird auch hin und wieder über Trauriges geweint, man unterhält sich über kleine lustige Anekdoten, ebenso wie über große bedeutende Ereignisse. Zwischendrin machen einige einen Spaziergang mit dem Hund, Andere kümmern sich ums Essen, ich vervollständige die Bowle. Später erklingen Lieder, mal laut und schmetternd, mal leise und eindringlich, immer mit eigener Stimme gesungen. Manchmal haben sie etwas mit Weihnachten zu tun, manchmal aber auch nicht. Ein Lied wie „Süßer die Glocken nie klingen“ kann auch für Nichtchristen eine erhebende Erfahrung sein, wenn es in feierlicher Stimmung von einem kleinen, fürs Leben verschworenen Kreis lieber Menschen gesungen wird.

Meist endet der Hitparadenteil des Tages mit dem Lied „Martins ganz einsame Weihnachten“ von Dieter Krebs. Dann essen wir und trinken die Bowle, die ich gemacht habe. Der späte Hundespaziergang beendet den ersten Tag.

Und der zweite ist ganz ähnlich: Er beginnt oft mit „There’s a River“ von Steve Winwood, aber die Ausrichter können sich das natürlich aussuchen. Wieder spricht man über den Rest des Jahres, hält eine Gesamtrückschau ab, unterhält sich, teilt Freud und Leid und genießt die Top 10 des jahres. Was wohl in diesem Jahr unser großer Hit sein wird? Das Schöne an dieser Hitparade ist, dass Jeder alles wählen kann. Da findet man Klassik neben Hardrock, Schlager der siebziger und achtziger Jahre neben Musik aus Brasilien, Spanien, Afrika, den Niederlanden und vielen anderen Ländern. Diese musikalische Vielfalt gefällt uns an unserer eigenen Hitparade, denn wir öffnen uns gegenseitig Türen zu vielseitiger Musik, und in so manchem Fall dadurch auch zu anderen Kulturen und Lebensweisen.

Und mit einem Mal ist es geschehen. Der Platz 2 ist gespielt, wir haben das Jahr in Kurzform noch einmal durchlebt. Mit unserer tätigen Mithilfe haben die Ausrichter das Essen auf den Tisch gebracht, nachher den Abwasch erledigt und für gute Stimmung gesorgt. Dann beginnt der von uns so genannte „traditionelle Teil“ des Jahresfestes. Er ist immer gleich: Zuerst ertönt ein Teil der Wassermusik von Georg Friedrich Händel, währenddessen gibt der Ausrichter den Jahressieger der Hitparade bekannt. Manchmal kann man ihn erraten, wenn man die Wochenlisten einigermaßen verfolgt hat. Aber es gibt eigentlich jedes Jahr Leute, die keine Ahnung haben, welches Lied es denn sein wird, und für die es eine Überraschung ist. Nach der Verkündung wird das Lied gespielt. Und während es erklingt stellen die Ausrichter auf dem Tisch, um den wir sitzen, die mit Likör gefüllten Gläser bereit. Sobald unser Platz 1 verklungen ist, wird das Lied „Happy new year“ von ABBA gespielt, und wir erheben uns, stoßen miteinander an und begrüßen das neue Jahr.

Ja, für uns beginnt in diesem Moment das neue Jahr. Weihnachten und Silvester waren in diesen zwei Tagen, und wenn wir vom 25. Dezember oder vom 31. Dezember sprechen, nennen wir es oft das „Kalenderweihnachten“ oder das „Kalendersilvester“. Ich für meinen Teil muss manchmal aufpassen, in Gesprächen mit anderen Menschen nicht zu behaupten, das neue Jahr habe schon angefangen. Das hat nichtts mit einem Spleen zu tun. Sondern das geschieht, weil ich die inttensive Erfahrung, die man mit Weihnachten und dem Jahreswechsel verbindet, tatsächlich bereits hinter mir habe, genau wie meine Freunde. Konsequenterweise dürfen ab der Woche nach der Jahreshitparade bei uns auch wieder Einzellisten eingereicht werden, die dann aber schon für das Folgejahr gelten, obwohl immer noch Dezember ist. Diese Tage um den dritten Advent sind für uns der Höhepunkt und Abschluss des Jahres.

Oft empfinden wir große Erleichterung und Freude in diesen Stunden, so gegen 18 Uhr am dritten Advent, wenn „Happy new Year“ verklungen ist. Wir unterhalten uns über unsere Ideen für das begonnene Jahr, wir singen gemeinsam ein Lied, dann läuft „Töne sind verklungen“ von Peter Maffay aus „Tabaluga und das leuchtende Schweigen“. Und mit der Toccata endet unser Jahresfest, wie es knapp 2 Tage zuvor begonnen hat.

Was immer uns in unserem Leben geschieht, dieses gemeinsame Wochenende gibt Kraft und Freude. Viele Jahre lang hat uns das Lied „Der Turm“ des vor 3 Jahren verstorbenen Ludwig Hirsch begleitet. Den Text dieses Liedes haben wir immer gern gehört, und ein wenig haben wir uns in ihm gefunden:

„Ich weiß noch genau, ich war vielleicht 5 Jahre alt, da hab ich mir von Mutter einen Strumpf über den Kopf gezogen, bin damit runter zur Milchfrau und hab gebrüllt: „Fruchtjogurt oder Leben“. Sie haben mich zur Strafe den ganzen Tag in mein Zimmer gesperrt, die Vorhänge zugezogen, die Glühbirne aus der Fassung geschraubt und mich mit der Dunkelheit und einer Fliege, die da irgendwo zwischen Vorhang und Fenster herumlärmte, allein gelassen. Und ich hab mich hingesetzt und begonnen, aus meinen Träumen einen Turm zu errichten, einen Turm, bis zum Himmel hoch. Und ich und meine Freunde, der Franz, der Jakob, der Thomas und auch die kleine Hilde, wir liefen durch die Straßen und riefen alle Kinder der Welt zusammen und luden sie ein, mit uns in den Turm zu ziehen. Ja und das taten sie dann auch. Und wir sprachen alle die gleiche Sprache, lebten frei und glücklich, bis zum Himmel hoch, und niemand konnte uns stören dabei, denn vor dem großen Eingangstor war eine gewaltige, feuer speiende Fliege postiert, die uns beschützte. Und ich weiß noch genau, plötzlich polterte mein Vater ins Zimmer mit seinen schwarzen, schweren Schuhen, die er immer trug. Er riss die Vorhänge auf, schraubte die Glühbirne in die Fassung, erschlug die Fliege und rief: „Ausgeträumt, mein Sohn, raus!“. Da fiel mein Turm in sich zusammen, und alle Kinder der Welt waren wieder wie auf einen Schlag über die ganze Erde verstreut, und keiner verstand mehr die Sprache des Anderen. Und ich ging runter auf die Straße, traf dort den Franz, den Jakob, den Thomas und die kleine Hilde und erzählte ihnen meine Traumgeschichte. Und an diesem Nachmittag beschloss der Franz, nicht Verhaltensforscher, sondern Ziegelhersteller, der Jakob nicht mehr Astronaut, sondern technischer Zeichner zu werden, der Thomas beschloss, Architektur zu studieren, die kleine Hilde wollte sowieso immer Maurer lernen, und ich beschloss, ganz einfach Träumeerzähler zu werden. Und wir schworen uns hoch und heilig: Bald, sehr bald bauen wir uns einen Turm, einen Turm bis zum Himmel hoch.““

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