Und ich hab mich hingesetzt und begonnen, aus meinen Träumen einen Turm zu errichten

Es war ein sonniger Samstag, mitten im Sommer des Jahres 1985: Samstag, der 24. August 1985, um genau zu sein. Es war der erste Samstag nach den großen Schulferien, ein Samstag mit 4 Unterrichtsstunden, ein Samstag mit Sonne und blauem Himmel. Und es war ein Tag, der mein Leben verändern sollte, verändern für alle Zukunft.

Dabei sah es am Anfang gar nicht danach aus. Die Schule machte mir an diesem Tag keinen Spaß, ich war damals in der achten Klasse der Carl-Strehl-Schule an der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. In meiner Wohngruppe, ganz in der Nähe der Schule gelegen, fühlte ich mich nicht besonders wohl, denn ich war der einzige vollkommen Blinde Schüler dort, die anderen waren mehr oder weniger sehbehindert und konnten mit mir relativ wenig anfangen. Und außerdem hatte ich mich noch heftig aber unglücklich in eine Gruppenkameradin verliebt: Meine erste Erfahrung mit diesem Gefühl, obwohl ich schon 16 ganze und ein halbes Jahr auf dem Buckel hatte.

Und dann war da noch die Sache mit meinen Spleens und Interessen, für die weder Betreuer noch Mitschüler besonderes Verständnis aufbrachten. Mein Steckenpferd war schon damals die Politik, und ich befasste mich mit dem Unterschied zwischen Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit. Nicht wissenschaftlich, dafür war ich dann doch noch etwas jung, aber auf meine eigene Weise. Mit zwei Freunden hatte ich im Mai 1983 an unserem ständigen Ferienort, dem niederländischen Campingplatz Heelderpeel einen eigenen kleinen Staat gegründet. Wir wollten herausfinden, wie Politik funktionierte, und ob man mit einer guten Verfassung und einer guten Staatsidee die Welt nicht ein wenig besser machen könnte. Dieser Staat, die Demokratische Republik Deutsch-Niederlande, bestand auch noch im August 1985. In Marburg hatte ich ein paar Freunde gewonnen, die sich dieser Idee angeschlossen hatten. An diesem Samstag veranstalteten wir wieder einmal eine Parlamentssitzung.

Die Schule ging bis 12 Uhr, keiner von uns war hungrig, und so traf sich gegen 12:15 Uhr in meinem Einzelzimmer im Internat eine kleine Gruppe von Menschen, die sich für Politik interessierten. Zwei Gruppen- und zwei Klassenkameraden von mir kamen. Einer von zwei Tagesordnungspunkten unserer heutigen Sitzung war ganz und gar unpolitisch, er befasste sich mit der Gründung einer Medienorganisation, die für unseren Staat eine wöchentliche offizielle Hitparade erstellen sollte. Im Gegensatz zu den großen Staaten in der Nachbarschaft wollten wir keine Top 100, Top 75 oder Top 50 ermitteln, uns genügte eine wöchentliche Top 10. Auf die Idee gekommen waren mein Freund Uli und ich im Juni als wir voneinander erfuhren, dass jeder von uns seit einem knappen Jahr wöchentlich eine eigene, private Hitparade erstellte. Beide waren wir schon damals Musik- und Radiobegeistert, und so spielten wir jede Woche unsere Hitparade aus und präsentierten sie eventuellen Zuhörern wie eine Rundfunksendung. Ob Uli Zuhörer hatte, weiß ich nicht, mir hörten hin und wieder meine Eltern, meine Schwester oder ein paar Freunde zu. Als wir unseren „Mitbürgern“ davon erzählten, fanden die, es sei eine gute Idee, für die DN, wie wir unseren Staat abkürzten, eine eigene Hitparade zu eröffnen. So beschloss die „Staatsversammlung Nr. 8 vom 24. August 1985“ die Gründung der „Deutsch-Niederländischen Medienstiftung“, abgekürzt DNMS. Die erste Hitparade sollte noch am selben Tage ermittelt werden. Alle, die sich beteiligen wollten, gaben also bei mir ihre Top 10 ab, der Platz 1 erhielt 10 Punkte, der Platz 10 bekam einen Punkt, und weil einige aktuelle Lieder sicherlich in mehreren Hitparaden vertreten sein würden, ergab sich beim Zusammenzählen eine Punktereihenfolge, die offizielle Hitparade der DN, ermittelt durch die DNMS. Ein weiteres nettes Spielchen, dachte ich damals.

Gegen 14:30 Uhr saßen wir dann wieder in meinem Zimmer, der Kassettenrecorder war angeschlossen, die „Ausstrahlung“ der ersten Hitparade konnte beginnen. Mit dem Stück „Lucifer“ von „The Alan Parsons Project“ nahm die DNMS ihren Sendebetrieb auf.

An diesem Tag hörten wir bei 5 eingereichten Einzellisten die unterschiedlichste Musik. Da waren Titel wie „Crazy for You“ von Madonna,
„Kayleigh“ von Marillion,

und „Tarzan Boy“ von Baltimora,

die man in jeder Hitparade der damaligen Zeit hören konnte. Aus den Niederlanden und ihrer Hitparade brachte ich Schlager wie „Waarom fluister ik je naam nog“ von Benny Neyman mit,

aber auch einen jungen Mann namens Georgie Davies, der in seinem Song „Blackstar“ zumindest mich irgendwie an Steevie Wonder erinnerte.
Mein damaliges Lieblingslied stammte auch aus den Niederlanden, war allerdings schon drei Jahre alt und wurde von der damals sehr bekannten niederländischen Band BZN gespielt. „Just an illusion“ hieß der Titel.
6 Wochen zuvor hatte das Life-Aid-Festival stattgefunden, und mein Freund Uli wählte den sowjetischen Beitrag zu diesem Ereignis, dessen Titel mir leider entfallen ist. Ein anderes Mitglied unserer kleinen Runde wählte besonders gern das Lied „Zeugnistag“ von Reinhard Mey.

Nur ein einziges Lied schaffte es in dieser ersten Hitparade, mehr als 10 Punkte zu erlangen, so unterschiedlich waren doch unsere Geschmäcker. Im Frühjahr 1985 war es in Europa ein mittelmäßiger Hit gewesen, inzwischen wurde es kaum noch gespielt. Es stammte von der schwedischen Sängerin Agnetha Vältskog, die früher bei ABBA gesungen hatte, und hieß: „I won’t let you go“.

Vielleicht fragt ihr euch, warum ich das alles schreibe? Warum habe ich am Anfang dieses Textes gesagt, dass dieser Samstag im August, heute vor 30 Jahren, mein Leben veränderte?
In seinem wundervollen Lied „Der Turm“, auch unter dem Namen „zum Himmel hoch“ bekannt, sagt der österreichische Sänger Ludwig Hirsch, was es dazu zu sagen gibt: „An diesem Tag beschloss der Franz nicht Verhaltensforscher, sondern Ziegelhersteller, der Jakob nicht mehr Astronaut, sondern technischer Zeichner zu werden, der Thomas beschloss, Architektur zu studieren, die kleine Hilde wollte sowieso immer Maurer lernen, und ich beschloss ganz einfach, Träumeerzähler zu werden. Und wir schworen uns hoch und heilig: Bald, sehr bald bauen wir uns einen Turm, einen Turm bis zum Himmel hoch.“ Dieser Samstag im August 1985 legte den Grundstein für meinen lebenslangen engsten Freundeskreis. Das Staatsspiel haben wir inzwischen eingestellt, aber die Hitparade, die gibt es immer noch. Wöchentlich geben rund 8 Menschen mehr oder weniger regelmäßig ihre Hitparaden ab und erzählen dabei über ihre Woche, über ihre Erlebnisse und Gefühle. Die meisten wohnen hier in Marburg, aber im Alltag sieht man sich nicht so häufig, wie es unter besten Freunden eigentlich sein sollte. also gibt es unsere Mailingliste. Aber auch in anderen Teilen Deutschlands leben einige von uns: In Wuppertal und Hamburg. Seit 30 Jahren gibt es diesen Freundeskreis, der manches gemeinsam unternimmt, in dem man sich gegenseitig unterstützt, wenn es nötig wird, in dem man füreinander Hochzeits- und Geburtstagsfeiern ausrichtet. Ein Kreis, der sich jedes Jahr zu einem grandiosen Jahresfest trifft, und für den dann das Jahr zu ende ist, nicht vorher und nicht nachher.

Eigentlich hätte dieser Tag heute gefeiert werden müssen, aber der Alltag verhinderte es, und vielleicht verschieben wir diese Feier auf das Jahresfest 2015. Auch wenn wir uns nicht mehr so häufig treffen: In der Seele sind wir eng miteinander verbunden. Und immer, wenn wir uns treffen, können wir das Lied von Hannes Wader spielen: „Gut, wieder hierr zu sein“, eine unserer ewigen Hymnen.

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Ach wär‘ doch ein normaler Tag

Aufruf!!!

Spendet für Flüchtlinge, heißt sie in eurer Umgebung willkommen, damit sie nach Krieg, Tod und Vertreibung ein Zuhause finden können. Unterstützt die Aktion Blogger für Flüchtlinge!

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich habe ein neues Audiogame gefunden, das ich jetzt eigentlich gern intensiv ausprobieren möchte. Es liegt auf meiner Festplatte, und ich habe auch schon ein wenig gespielt. Ein Flugzeug stürzt ab, 10 Leute überleben und müssen sich viele Meilen zur nächsten Ansiedlung durchschlagen. Sie müssen ein Camp pro Tag bauen, Feuer machen, das Fleisch ihrer gefallenen Kameraden essen, sonst ist ja nichts da.
Da habe ich aufgehört zu spielen.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich könnte twittern und Zeitung lesen, in die Feuilletons schauen und mich geistreicher Gesellschaftskritik erfreuen.
Roger Willemsen ist an Krebs erkrankt, Egon Bahr ist gestorben, und in Sachsen gibt es 10 Verletzte vor einer Flüchtlingsunterkunft. Da habe ich aufgehört zu lesen.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich frühstücke gut und esse zu Abend, am Montag, wenn ich mich auf die Wage stelle, habe ich vermutlich etwas zugenommen, ich kriege das auch nie in den Griff, also mäckere ich ein wenig über mich selbst.
Und dann denke ich daran, wieviele Menschen auf der Flucht sterben, bevor sie hier, in Sicherheit, wieder Angst vor meinen Landsleuten haben müssen. Da höre ich auf zu mäckern.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich könnte schreiben: Erotik, um mich anzuregen, politische Fiktion, um mich einzulullen, in meinem Blog über Jugenderinnerungen, um mich fröhlich zu machen.
Und dann sehe ich die Realität der Politik, vor der ich mich nicht verstecken kann, und mir vergeht die Lust und die gute Erinnerung. Da höre ich auf zu schreiben.

NEIN!

Heute ist kein normaler Tag, und schon seit Wochen ist kein normaler Tag mehr!
Ich habe die scharfe Klinge der Sprache verloren, weil alles gesagt und abgeprallt ist.
Meine halben Verse sind verzweifelte, kraftlose Ausrufezeichen!

Wenn ich, was das Schicksal verhüten möge, einmal fliehen müsste, dann bitte bitte nicht nach Deutschland.
Dieses Land ist so arrogant, so voller Hass, so voller Dünkel! Hier hält man sich immer noch für die Herrenmenschen, und man versteckt es nur gut, solange nichts dazwischen kommt.
Wenn ich also fliehen müsste, wohin dann?

„Komm wir fliegen zum Pluto, lass uns Tanzen auf dem Mond,
gibt es einen Platz zwischen den Sternen, wo das Leben lohnt?“ (Het Goede Doel: „Belgien“ 1983)

Alles, was ich sage, kreist um die eine Tatsache, dass alles, was ich sehe, so unfassbar ist.
Als ich aufwuchs, wurde in meiner Familie auch über Flüchtlinge gesprochen. Damals, erzählte meine Mutter, damals nach dem zweiten Weltkrieg, da kamen sie alle aus dem Osten, die Großgrundbesitzer. Sie sagte: „Viele haben falsche Angaben über ihren Besitz gemacht, plötzlich hatten alle ein Rittergut, nur damit sie große Entschädigungen bekamen. Denen ging es schon schnell viel besser als uns.“
Einer unserer Nachbarn war auch in den siebzigern noch ein brutaler Brauner, und meine Mutter sagte: „Der kam aus dem Osten und war bei der SS!“ Aber andererseits sagte sie auch: „Die kamen hier teilweise an mit nichts als ihren Kleidern am Leib, die Kinder halb erfroren, alle halb verhungert. Aber wir hatten ja selber nichts, und trotzdem sind wir alle enger zusammengerückt.“
Ich habe daraus gelernt, dass es zwar Ressentiments gegenüber flüchtlingen gab, dass man am Ende aber zusammengearbeitet hat und das Land wieder aufbaute, mit Hilfe unserer neuen Verbündeten, der Care-Pakete und vieler freigiebiger schwarzer Soldaten. Das habe ich mir gemerkt, und ich habe geglaubt, dass diese Lektion viele Generationen lang hält.

Aber das tut sie nicht.

Die Braunen singen wieder, sie prügeln wieder, sie werden bald wieder morden?
Heute die Flüchtlinge, und morgen?
Deshalb habe ich Angst, und zwar an einem ganz normalen Tag. Deshalb kann ich nicht einfach das, was ich sehe, wieder vergessen. Es ist ständig in meinem Kopf. Aber mir fehlt inzwischen die Sprache, darum habe ich in meinem Hauptblog ein paar Leseempfehlungen ausgegeben, und darum schreibe ich hierr mal was politisches.

Denn es geht ja irgendwie um unser aller Leben, jeder von uns könnte zur gehassten Minderheit gehören. Kann sich irgendwer sicher fühlen? hat man vor 80 Jahren gedacht, es wären nur die Juden oder nur die Kommunisten?

Ich bin froh, dass meine Liebste sich ganz konkret für Flüchtlinge einsetzt. Zweimal in der Woche geht sie für 3 Stunden in die Notunterkunft in Cappel und sitzt dort am Telefon und am Empfang. Sie sieht die Kinder, die dort betreut werden und endlich mal spielen und sich freuen, hört, wie freundliche Menschen „Guten Tag“ und „Aufwiedersehen“ lernen und immer wieder sagen, bekommt mit, wie ordentlich die Flüchtlinge jeden ausgeliehenen Stift, jeden ausgeliehenen Schreibblock zurückgeben. Und dann erfährt sie, dass ehrbare marburger Bürger deutscher Herkunft Müll um das Flüchtlingscamp herum verteilen, um diese Verunreinigung den Flüchtlingen in die Schuhe schieben zu können. Was soll ich da noch sagen?

Und wenn es dann tatsächlich schwarze Schafe unter den hunderten Menschen gibt, die hier für ein oder zwei Wochen untergebracht werden, Menschen, die etwas mitgehen lassen, was eigentlich nur geliehen ist zum Beispiel? Wenn es also diese ein oder zwei Menschen gibt, sind dann alle Flüchtlinge schuld? In den Augen der sogenannten besorgten Bürger wird das plötzlich zu einer Mentalitätsfrage, obwohl es unter derselben Anzahl deutscher Bürger mindestens ebenso viele Kriminelle geben würde. Aber das glauben sie einfach nicht, und mit ihrer Hetze stecken sie die Medien an, und die stecken die Politiker an, und die fischen mit ihren Statements am rechten Rand, weil sie Angst um ihre Wahlerfolge haben, und diese Statements kommen dann wieder in die Medien, und das steckt dann wieder mehr Bürger an, die bislang höchstens unsicher waren. Merkt ihr nicht, wie die Politiker und die Rechten euch manipulieren?

Uns geht es gut, was geht uns das an. Das sagen viele von euch, nicht wahr? Aber was, wenn ihr morgen zu den gehassten gehören würdet?
Was, wenn ich morgen zu den Gehassten gehöre?

Ein ganz normaler Tag?

NEIN!

Natürlich werde ich gut essen, etwas hören, lesen, ein Computerspiel spielen, lieben und leben. Anders wäre diese Welt ja auch nicht auszuhalten. Und Gott sei dank funktioniert auch bei mir die Verdrängung für eine gewisse Zeit. Aber immer wieder frage ich mich, wie es den Flüchtlingen geht, für die keine Unterkunft da ist, oder die bedroht und verfolgt werden? Was müssen sie über uns denken? Noch werden sie vermutlich denken, dass es ihnen zuhause schlimmer ergangen wäre. Das hoffe ich zumindest.

Wenn wir ein besseres Land wollen, eines mit Idealen, mit Gerechtigkeit, auch für uns, dann müssen wir einfach damit anfangen, anderen gegenüber gerecht zu sein. Jetzt sofort, an einem normalen Tag!

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Das Leben ist endlich und einmalig

Jetzt, da ich hier sitze und diesen Text zu schreiben beginne, weiß ich noch nicht, ob ich ihn veröffentlichen werde oder nicht. Wenn ihr, liebe Leser, diesen Text also lest, wisst ihr schon, im Gegensatz zu mir jetzt, dass ich mich für die Veröffentlichung entschieden habe.

Es ist einer dieser Abende, an denen ich weiß, warum ich ein Privatblog habe. Im Hasten des Alltags komme ich kaum dazu, intensive, tiefe Gedanken zu denken, Gedanken, die sich nicht so sehr mit aktuellen Themen befassen. Aber an so einem Abend wie heute fällt es ganz leicht.

Es ist wohl, weil ich allein bin. Meine Liebste ist auf einem Seminar wo es um faire und erfolgreiche Kommunikation für Führungskräfte geht. Und eben saß ich hier, wie oft am ersten Abend, wenn ich allein bin, und dann habe ich mir vorgestellt, irgendetwas würde passieren und ich würde allein bleiben, meine Liebste käme nicht zurück. Es wäre nicht der erste Verlust meines Lebens, aber es wäre der heftigste, den ich mir vorstellen kann. Mein ganzes, mühsam geordnetes Leben würde zusammenbrechen. Ich würde allein aufwachen, müsste mit dem Alltag allein fertig werden und würde allein einschlafen. Nun könnt ihr zurecht sagen, dass jeder in dieser Gefahr lebt. Aber für mich wäre es die denkbar größte Katastrophe, die es in meinem Leben geben könnte, und ich habe schon einige Katastrophen hinter mich gebracht. So gern ich die Möglichkeit eines solchen Unglückes wegschiebe, es kommt mir immer wieder in den Sinn und macht mir eines klar: Das Leben ist endlich, und ich habe nur eines davon.

Einige von euch mögen jetzt vielleicht einen religiösen Gedanken haben. Ich verstehe und akzeptiere es, aber religiöse Gedanken an das Jenseits oder so etwas spielen für mich keine Rolle. Ich kann daran nicht glauben, also kann es mich nicht trösten, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es viele Menschen trösten kann, und ich wünsche ihnen, dass sie sich diesen Schatz bewahren können. Dieser Text aber hat nichts mit Religion zu tun.

Das Leben also ist endlich und wir haben nur eines davon. Und es zieht so schnell vorbei. Eben noch saß ich mit meinen Eltern auf der Terrasse unseres Häuschens im niederländischen Heelderpeel, schon ist das haus abgerissen, die Eltern Tod und ich selbst mehr als 25 Jahre älter. Eben noch war mein Bruder 43 Jahre alt und starb, jetzt bin ich schon 46, und 23 Jahre sind seither vergangen, ein halbes Leben. Und ich habe meinen Bruder damals für alt gehalten. Aufhalten lässt sich die Zeit nicht, sie ist unbezwingbar, so sehr wir gegen sie ankämpfen, und so sehr wir gegen sie anfeiern oder sie zu ignorieren versuchen. Irgendwann wird einer von uns, Meine Liebste oder ich, diesen Schmerz des Verlustes des Anderen erleben müssen, einer wird damit leben müssen, das ist bereits jetzt absehbar, auch wenn es nicht vorstellbar ist. Wichtig ist, dass uns das trotzdem nicht daran hindern sollte, das Leben zu genießen, denn wir haben nur eines, und das ist endlich.

Ich sagte es schon: Für mich ist dieses Leben, das ich führe, für das ich dankbar und glücklich bin, mühsam aufgebaut. Von Natur aus ein eher unsicherer Mensch, neige ich oft dazu, angefangene Projekte hinzuschmeißen, mich abschrecken zu lassen, meine Position nicht zu verteidigen. In größeren Menschengruppen fühle ich mich selten wohl, obwohl ich gern grille und feiere und singe, aber dann müssen es vertraute Menschen sein. Das Leben zu genießen, es einfach mitzunehmen, fällt mir nicht leicht. In allem sehe ich eine Aufgabe, und schnell bin ich davon überzeugt, etwas falsch gemacht zu haben, wenn es um Kontakt mit anderen Menschen geht. Darum ist jeder Tag, an dem ich meine Pflicht gegenüber dem Ohrfunk erfülle, und sei meine Lust noch so gering, ein Gewinn, ein Sieg. Seit 10 Jahren habe ich dieses Projekt nicht hingeworfen, hat mich keine große depressive Stimmung heimgesucht, ist niemand gestorben, der mich dann aus der Bahn geworfen hätte. Seit 10 Jahren lebe ich stabil vor mich hin und weiß: Dieses Leben, wie ich es lebe, hat einige Macken, ich könnte mir Verbesserungen vorstellen, aber ich stehe hier und falle nicht um. Weil ich mich und meine Schwächen kenne, macht mich das stolz. Und es führt dazu, dass ich mir des Glücks, in dem ich lebe, bewusst bin. Ich habe meine Sorgen, vieles am alltag fällt mir schwer, ich bin nicht für den ersten Arbeitsmarkt geschaffen und so weiter, aber entgegen mancher früheren Tage, Wochen, Monate und sogar Jahre geht es mir richtig gut.

Das Leben ist endlich, und wir haben nur eines. Das verlangt Achtsamkeit. Nur in einer Gemeinschaft, die achtsam miteinander umgeht, kann der Einzelne das Beste aus seinem Leben machen. Und jeder, der will, dass er die Chance erhält, sein Leben zu genießen, es zu bereichern oder lebenswert zu gestalten, verlangt von seinem Umfeld eben diese Achtsamkeit. Dann müsste es ja auch selbstverständlich sein, dieselbe Achtsamkeit den Mitmenschen zukommen zu lassen. Wir wissen alle, dass viele Menschen das nicht tun. Aber in diesem einmaligen, endlichen Leben kann jeden von uns einmal ein Schicksalsschlag treffen. Dem einen Stirbt der oder die Liebste, dem anderen brennt die Wohnung vollständig aus, der dritte muss fliehen, weil er homosexuell ist, der vierte wird von seiner Regierung verfolgt, weil er die falsche Religion hat. Von Achtsamkeit für das eine, einmalige, kurze Leben ist weit und breit nichts zu sehen.

Ich für meinen Teil schreibe, versuche die Achtsamkeit durch das Wort zu erbringen. Natürlich kritisiere ich dabei heftig: amtsträger, Staaten, Organisationen, Entscheidungen, Entwicklungen und ganze Gruppen, auch einzelne Menschen in bestimmten Zusammenhängen. Aber das ist es auch. Ich kritisiere sie, möchte aber auch ihnen mit Achtsamkeit begegnen, möchte ihnen nicht das Leben in der Weise schwerer machen, wie ich es auch nicht schwerer haben möchte. Ich möchte mich für eine Gesellschaft einsetzen, in der jeder Mensch so geachtet wird, dass er sein einmaliges, kostbares Leben ausgestalten kann.

Als Hartz-IV-Empfänger in Deutschland gehöre ich sicher nicht zu den Privilegierten, und ich prangere die Ungerechtigkeit auch immer wieder mal an. Aber nie würde ich verkennen, dass ich das aus einer Luxusposition heraus tue. Ich habe eine Wohnung mit Waschmaschine, warmem Wasser, einem großen Bett mit Bettzeug, genug und oft zu viel zu essen, Kaffee, einen Computer, Internet, CD’s, bin, wenn auch nicht gegen alles, krankenversichert, habe eine wunderbare Frau, kann, wenn auch zunehmend mit mehr Unbehagen, meine Meinung frei äußern und muss mir höchstens die schwere Frage beantworten, ob ich heute die Salami- oder die Thunfischpizza essen will. Natürlich kann ich nicht alles haben, was ich mir in meinen Träumen wünsche, aber es ist niemandes persönliche Schuld, dass es so ist, oder wenn doch, dann richtet jedenfalls niemand seine Maßnahmen und seinen hass gegen mich persönlich. Dessen bin ich mir immer bewusst: Ich habe diese Achtsamkeit in meinem Leben erfahren, trotz schrecklicher Todesfälle, vieler Depressionen, trotz des Zerfalls meiner geliebten Familie. Und übrigens: Niemand kann sich alle seine Träume erfüllen.

Wenn ich heute die Hassdemos vor Flüchtlingsheimen sehe, frage ich mich: Was wollen die eigentlich da? Denen geht es doch genau so gut wie mir? Wovor haben die Angst? Vor der Zukunft? Nun: Vermutlich wird man ihnen in Zukunft auch den Kopf nicht abschlagen, und genug zu essen und zu trinken werden sie auch haben, wenn 100.000 oder sogar 1.000.000 neue Menschen ins Land kommen. Teile der Industrie werden dabei sogar profitieren. Warum verweigern sie anderen die Möglichkeit, ihr Leben zumindest lebenswert zu gestalten, die sie selbst doch haben? Die ganze Zeit über?

Das Leben ist einmalig und endlich, und es ist kurz. Am Abend ist wieder ein Tag verstrichen. Entweder man fragt sich dann: Habe ich ihn gelebt? Oder man schiebt den Gedanken weg und freut sich an kleinkarierten Triumphen. Wird das Leben besser, wenn man mehr Waschmaschinen, mehr Autos und mehr Smartphones hat?

Mir fällt gerade so ein altes Klischee ein, dass nämlich arme Menschen am freigiebigsten sind. Vielleicht ist das so, weil sie sich jeder Kleinigkeit, die sie in diesem endlichen, einmaligen Leben besitzen, viel mehr bewusst sind, und weil sie die anderen Menschen mit denselben Augen sehen. Aber das nur am Rande.

Fragt sich jemand, was ich in dem ganzen Wust meiner Gedanken eigentlich sagen will? Wer andere hasst und nur so sein Leben aufwerten kann, der weiß und begreift nicht, wie viel Wert es schon an sich hat. Die Flüchtlinge selbst, die zu uns kommen, die begreifen diesen Lebenswert, schließlich haben sie unendliche Strapazen auf sich genommen, um ihr Leben zu retten. Viele hier in Deutschland gehen jedenfalls mit ihrem einmaligen, kurzen Leben ganz anders um.

Hoppla, jetzt habe ich doch aktuelle Themen gestreift, aber das blieb ja nicht aus, weil es mich beschäftigt, was Menschen hier in Deutschland dazu bringt, andere Menschen so zu hassen. Das ist aber nicht das Einzige, was mir zum Thema Achtsamkeit für das eigene Leben und damit auch für das Leben anderer Menschen einfällt. Ich frage mich, wie ich wohl auf mein Leben kurz vor meinem Tod zurückblicken werde. Mit Bedauern? Vielleicht, weil ich einige Dinge nicht erreicht habe, die ich erreichen wollte? Nun, das wird jedem so gehen, und mehr als ein kurzes Bedauern ist da auch nicht zu erwarten. Aber in anderer Hinsicht werde ich mich fragen, was ich aus meinem Leben gemacht habe. Werde ich mich zu viel mit sinnlosem beschäftigt haben? Habe ich die anwesenheit anderer Menschen, den größten Schatz, den ein Mensch haben kann, auch genügend zu würdigen gewusst? Ich weiß schon, dass ich da nicht ganz zufrieden mit mir sein werde. Die Frage: Was hätte ich aus diesem Leben mit seinen Möglichkeiten machen können, und ich meine nicht die Karriere, die man ohnehin nicht mit ins Grab nimmt, sondern Dinge, die zufrieden machen, diese Frage werde ich mir stellen. Habe ich das Leben gelebt, genossen, und zwar so, dass von diesem Genuss noch etwas zu spüren ist, dass er also eine gewisse Dauer vermittelt hat? Niemand hat unendlich viel Zeit, und die Kunst des Lebens ist es vermutlich, sich dessen immer bewusst zu sein, ohne dass es Druck macht.

Ich sitze hier an einem ruhigen Abend, an dem ich allein bin. Es ist ein Moment, in dem ich das Leben bewusster wahrnehme als sonst oft. Dann nehme ich mir vor, ab jetzt besser aufzupassen, aufmerksamer zu sein, sanftmütiger mir und allen Anderen gegenüber. Eine Weile wird es gehen, dann wird mich irgendeine volle Woche, irgendein unvorhergesehenes Ereignis doch aus der Bahn werfen. Vielleicht nicht lange, aber immerhin lange genug, um nicht bewusst an den heutigen Abend und seine Erkenntnisse zu denken. Aber ich werde meine Pflichten jeden Tag erfüllen, Pflichten, die ich mir ausgesucht habe, die mir nicht immer spaß machen, die ich aber eingegangen bin, und wenn ich sie erfüllt habe, werde ich zufrieden sein. Wieder ein Sieg. Ein Sieg für Zuverlässigkeit und Achtsamkeit, schließlich verlassen sich Menschen auf mich, die auch ihr Leben haben, dass es verdient, geschätzt und gepflegt zu werden. Und bestimmte Dinge werde ich hoffentlich nie tun: Hassen, grundlos neidisch sein, Würde und Recht meiner Mitmenschen missachten. Das ist für mich so wichtig wie die Arbeit für den Ohrfunk.

Wenn ich an so einem einsamen ersten Abend meiner sturmfreien Bude hier sitze und nachdenke, dann kann es geschehen, dass ich mich frage, was wohl geschehen würde, wenn ich durch irgendein Unglück jetzt allein bliebe. Wieviele Menschen würden mir die Achtsamkeit entggegen bringen, die ich brauchen könnte? Ich hoffe, es wären einige. Nur in einer achtsamen Gemeinschaft lässt sich ein gutes Leben entfalten, denn es ist endlich und einmalig.

Und jetzt? Schicke ich diesen Text ab? Es ist eher ein sammelsurium als ein gut organisierter Beitrag. Aber ich schreibe ja auch für ein Privatblog und nicht für eine große Zeitung oder so. Also gut: Enter!

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Mittwochsrunde zum hören

Vor ein paar Monaten schrieb ich an dieser Stelle über die Mittwochsrunde, in der Franz-Josef Hanke, Dr. Eckart Fuchs und ich über Themen der Weltpolitik plaudern, aber auch über die Gesellschaft, die Religion, über Behinderung, technischen fortschritt, Bürgerrechte, Philosophie, den Karnevall und vieles mehr. Auf diesen Beitrag hat es einiges an Reaktionen gegeben, auch in diesem sonst eher wenig besuchten Blog. Vor einem Monat kam mir dann die Idee, aus der Mittwochsrunde einen Podcast zu machen, einfach indem ich unsere Gesprächsrunde aufzeichne und das Beste daraus veröffentliche, damit unsere Hörerinnen und Hörer praktisch mit uns am Tisch sitzen können. Natürlich haben wir nicht den Anspruch,
überdurchschnittlichen Erkenntnisgewinn zu vermitteln, aber man kann drei Menschen zuhören, die sich ihre Gedanken machen, und im Wust von Medien und angesichts der täglichen Aufgeregtheit ist es vielleicht möglich, selbst zu interessanten Gedanken angeregt zu werden.

Den ersten Podcast haben wir vorgestern, am 29. Juli 2015, produziert. Wir üben noch, ich stelle mir vor, dass in den nächsten Wochen das alles mehr und mehr zum Gespräch wird, in dem wir die Anwesenheit des Aufnahmegerätes so gut wie vergessen. Der Anfang und der Schluss, wegen der Liebe von Franz-Josef Hanke zu den Bläck Fööss mit einem ihrer Lieder gestaltet, wird noch ausgebaut, ein Bild muss auch noch her. Ansonsten hoffen wir, möglichst gehaltvolles zu aktuellen Themen beitragen zu können.

Der Titel dieses Podcasts ist übrigens „Lagebesprech“, auch eine Wortschöpfung von Franz-Josef Hanke, der Wortspielereien mag. Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, sagt er, und so eine echte Lagebesprechung halten wir ja auch nicht ab, und irgendwie eben auch doch. Versteht ihr das?

Wenn ihr es besser verstehen wollt, dann schaut doch mal auf unsere Seite und aboniert den Podcast. auf www.lagebesprech.de werdet ihr fündig. Falls es Probleme gibt, dies ist eine Weiterleitung auf diese Adresse.

Wir würden uns natürlich über möglichst viele Hörerinnen und Hörer und möglichst viele gute Kommentare freuen, auch über vorschläge, worüber ihr unsere Meinung hören wollt.

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Sie tut, was sie am besten kann: Sie schreibt!

Gestern Abend hat meine Liebste endlich ihr eigenes Blog gestartet. Sie nennt es Wespennestwärme, und von beidem soll etwas drin sein, vom auch mal aufmüpfig kratzend-stechenden Wespennest, und von der Wärme, die ein Nest eben zu bieten hat. Zwei Artikel hat sie schon veröffentlicht, und ich hoffe, sie bleibt dabei. Denn seit ich sie kenne, und das sind fast 30 Jahre, schreibt sie gern und gut.

Vor zwei Jahren habe ich ihr die Einrichtung und technische Betreuung ihres eigenen Blogs zum Geburtstag geschenkt, und sie hat sich drüber gefreut, aber wie das so ist: Im Alltag gibt es immer viel zu tun, das lernen technischer Vorgänge beansprucht immer eine Menge Zeit und Geduld, und immer, wenn man mit einem computer arbeitet, geht mit Sicherheit etwas schief. Kurz und gut: Die Eröffnung des Blogs verschob sich wieder und wieder. Aber dann war Bianca im Mai 2015 so unglaublich entsetzt über das massenhafte Schreddern frisch geschlüpfter männlicher Küken und die schnoddrige Art, in der Landwirtschaftsminister Schmidt mit dieser Massentötung umging, dass sie einen offenen Brief an den Minister schrieb und auf meinem Hauptblog veröffentlichte. Und da wurde ihr klar: Sie hat einiges zu sagen. 13 Themenbereiche hat sie in ihrem Eröffnungsposting genannt. Sie schrieb, sie sei:
„- eine Frau
– Sozialarbeiterin und masseurin
– dick
– interessiert an den politischen und allgemeinen gesellschaftlichen Vorgängen in meinem Land und – so weit ich sie überschauen kann – auch in der Welt
– Vegetarierin
– leidenschaftlich interessiert an Medizin
– blind
– ehemalige Mitarbeiterin eines Hospizes
– ALG-II-Empfängerin
– Anhängerin der Schmerzlust
– begeistertes Mitglied des asozialen Netzwerkes
Radiomoderatorin und -Redakteurin – eine unglaubliche Bücherfresserin.“
Auf diese Vielfalt freue ich mich.

Und ich weiß, ich kann von ihr was diese Vielfalt angeht noch einiges lernen. Ich merke selbst, dass sich bei mir die Themen verengen, dass ich im Tenor oft dasselbe schreibe. Bianca hingegen bringt hoffentlich frischen Wind in die Blogosphäre!

Viel Glück und Erfolg mit diesem neuen Blog!

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