Und ich hab mich hingesetzt und begonnen, aus meinen Träumen einen Turm zu errichten

Es war ein sonniger Samstag, mitten im Sommer des Jahres 1985: Samstag, der 24. August 1985, um genau zu sein. Es war der erste Samstag nach den großen Schulferien, ein Samstag mit 4 Unterrichtsstunden, ein Samstag mit Sonne und blauem Himmel. Und es war ein Tag, der mein Leben verändern sollte, verändern für alle Zukunft.

Dabei sah es am Anfang gar nicht danach aus. Die Schule machte mir an diesem Tag keinen Spaß, ich war damals in der achten Klasse der Carl-Strehl-Schule an der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. In meiner Wohngruppe, ganz in der Nähe der Schule gelegen, fühlte ich mich nicht besonders wohl, denn ich war der einzige vollkommen Blinde Schüler dort, die anderen waren mehr oder weniger sehbehindert und konnten mit mir relativ wenig anfangen. Und außerdem hatte ich mich noch heftig aber unglücklich in eine Gruppenkameradin verliebt: Meine erste Erfahrung mit diesem Gefühl, obwohl ich schon 16 ganze und ein halbes Jahr auf dem Buckel hatte.

Und dann war da noch die Sache mit meinen Spleens und Interessen, für die weder Betreuer noch Mitschüler besonderes Verständnis aufbrachten. Mein Steckenpferd war schon damals die Politik, und ich befasste mich mit dem Unterschied zwischen Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit. Nicht wissenschaftlich, dafür war ich dann doch noch etwas jung, aber auf meine eigene Weise. Mit zwei Freunden hatte ich im Mai 1983 an unserem ständigen Ferienort, dem niederländischen Campingplatz Heelderpeel einen eigenen kleinen Staat gegründet. Wir wollten herausfinden, wie Politik funktionierte, und ob man mit einer guten Verfassung und einer guten Staatsidee die Welt nicht ein wenig besser machen könnte. Dieser Staat, die Demokratische Republik Deutsch-Niederlande, bestand auch noch im August 1985. In Marburg hatte ich ein paar Freunde gewonnen, die sich dieser Idee angeschlossen hatten. An diesem Samstag veranstalteten wir wieder einmal eine Parlamentssitzung.

Die Schule ging bis 12 Uhr, keiner von uns war hungrig, und so traf sich gegen 12:15 Uhr in meinem Einzelzimmer im Internat eine kleine Gruppe von Menschen, die sich für Politik interessierten. Zwei Gruppen- und zwei Klassenkameraden von mir kamen. Einer von zwei Tagesordnungspunkten unserer heutigen Sitzung war ganz und gar unpolitisch, er befasste sich mit der Gründung einer Medienorganisation, die für unseren Staat eine wöchentliche offizielle Hitparade erstellen sollte. Im Gegensatz zu den großen Staaten in der Nachbarschaft wollten wir keine Top 100, Top 75 oder Top 50 ermitteln, uns genügte eine wöchentliche Top 10. Auf die Idee gekommen waren mein Freund Uli und ich im Juni als wir voneinander erfuhren, dass jeder von uns seit einem knappen Jahr wöchentlich eine eigene, private Hitparade erstellte. Beide waren wir schon damals Musik- und Radiobegeistert, und so spielten wir jede Woche unsere Hitparade aus und präsentierten sie eventuellen Zuhörern wie eine Rundfunksendung. Ob Uli Zuhörer hatte, weiß ich nicht, mir hörten hin und wieder meine Eltern, meine Schwester oder ein paar Freunde zu. Als wir unseren „Mitbürgern“ davon erzählten, fanden die, es sei eine gute Idee, für die DN, wie wir unseren Staat abkürzten, eine eigene Hitparade zu eröffnen. So beschloss die „Staatsversammlung Nr. 8 vom 24. August 1985“ die Gründung der „Deutsch-Niederländischen Medienstiftung“, abgekürzt DNMS. Die erste Hitparade sollte noch am selben Tage ermittelt werden. Alle, die sich beteiligen wollten, gaben also bei mir ihre Top 10 ab, der Platz 1 erhielt 10 Punkte, der Platz 10 bekam einen Punkt, und weil einige aktuelle Lieder sicherlich in mehreren Hitparaden vertreten sein würden, ergab sich beim Zusammenzählen eine Punktereihenfolge, die offizielle Hitparade der DN, ermittelt durch die DNMS. Ein weiteres nettes Spielchen, dachte ich damals.

Gegen 14:30 Uhr saßen wir dann wieder in meinem Zimmer, der Kassettenrecorder war angeschlossen, die „Ausstrahlung“ der ersten Hitparade konnte beginnen. Mit dem Stück „Lucifer“ von „The Alan Parsons Project“ nahm die DNMS ihren Sendebetrieb auf.

An diesem Tag hörten wir bei 5 eingereichten Einzellisten die unterschiedlichste Musik. Da waren Titel wie „Crazy for You“ von Madonna,
„Kayleigh“ von Marillion,

und „Tarzan Boy“ von Baltimora,

die man in jeder Hitparade der damaligen Zeit hören konnte. Aus den Niederlanden und ihrer Hitparade brachte ich Schlager wie „Waarom fluister ik je naam nog“ von Benny Neyman mit,

aber auch einen jungen Mann namens Georgie Davies, der in seinem Song „Blackstar“ zumindest mich irgendwie an Steevie Wonder erinnerte.
Mein damaliges Lieblingslied stammte auch aus den Niederlanden, war allerdings schon drei Jahre alt und wurde von der damals sehr bekannten niederländischen Band BZN gespielt. „Just an illusion“ hieß der Titel.
6 Wochen zuvor hatte das Life-Aid-Festival stattgefunden, und mein Freund Uli wählte den sowjetischen Beitrag zu diesem Ereignis, dessen Titel mir leider entfallen ist. Ein anderes Mitglied unserer kleinen Runde wählte besonders gern das Lied „Zeugnistag“ von Reinhard Mey.

Nur ein einziges Lied schaffte es in dieser ersten Hitparade, mehr als 10 Punkte zu erlangen, so unterschiedlich waren doch unsere Geschmäcker. Im Frühjahr 1985 war es in Europa ein mittelmäßiger Hit gewesen, inzwischen wurde es kaum noch gespielt. Es stammte von der schwedischen Sängerin Agnetha Vältskog, die früher bei ABBA gesungen hatte, und hieß: „I won’t let you go“.

Vielleicht fragt ihr euch, warum ich das alles schreibe? Warum habe ich am Anfang dieses Textes gesagt, dass dieser Samstag im August, heute vor 30 Jahren, mein Leben veränderte?
In seinem wundervollen Lied „Der Turm“, auch unter dem Namen „zum Himmel hoch“ bekannt, sagt der österreichische Sänger Ludwig Hirsch, was es dazu zu sagen gibt: „An diesem Tag beschloss der Franz nicht Verhaltensforscher, sondern Ziegelhersteller, der Jakob nicht mehr Astronaut, sondern technischer Zeichner zu werden, der Thomas beschloss, Architektur zu studieren, die kleine Hilde wollte sowieso immer Maurer lernen, und ich beschloss ganz einfach, Träumeerzähler zu werden. Und wir schworen uns hoch und heilig: Bald, sehr bald bauen wir uns einen Turm, einen Turm bis zum Himmel hoch.“ Dieser Samstag im August 1985 legte den Grundstein für meinen lebenslangen engsten Freundeskreis. Das Staatsspiel haben wir inzwischen eingestellt, aber die Hitparade, die gibt es immer noch. Wöchentlich geben rund 8 Menschen mehr oder weniger regelmäßig ihre Hitparaden ab und erzählen dabei über ihre Woche, über ihre Erlebnisse und Gefühle. Die meisten wohnen hier in Marburg, aber im Alltag sieht man sich nicht so häufig, wie es unter besten Freunden eigentlich sein sollte. also gibt es unsere Mailingliste. Aber auch in anderen Teilen Deutschlands leben einige von uns: In Wuppertal und Hamburg. Seit 30 Jahren gibt es diesen Freundeskreis, der manches gemeinsam unternimmt, in dem man sich gegenseitig unterstützt, wenn es nötig wird, in dem man füreinander Hochzeits- und Geburtstagsfeiern ausrichtet. Ein Kreis, der sich jedes Jahr zu einem grandiosen Jahresfest trifft, und für den dann das Jahr zu ende ist, nicht vorher und nicht nachher.

Eigentlich hätte dieser Tag heute gefeiert werden müssen, aber der Alltag verhinderte es, und vielleicht verschieben wir diese Feier auf das Jahresfest 2015. Auch wenn wir uns nicht mehr so häufig treffen: In der Seele sind wir eng miteinander verbunden. Und immer, wenn wir uns treffen, können wir das Lied von Hannes Wader spielen: „Gut, wieder hierr zu sein“, eine unserer ewigen Hymnen.

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Eine Antwort zu Und ich hab mich hingesetzt und begonnen, aus meinen Träumen einen Turm zu errichten

  1. Ronald Wolf schreibt:

    Superbeitrag. Die Lieder kenn ich alle (naja, außer Benny Neyman – finde ich aber klasse).
    Eine tolle Geschichte. Musik hat auch mich ein Leben lang begleitet und ich könnte unheimlich viele Storys erzählen, manche total irre. Meine Frau liebt die Liedermacher und ich die Popkünstler.
    Wir gehen aber gemeinsam zu den Konzerten und haben immer Spaß. Bei unserer Hochzeit vor drei Jahren spielten wir im Standesamt Abba, Bryan Adams und Rio Reiser. Ein halbes Jahr lang haben wir darüber diskutiert. Eigentlich hatten wir soviel Songs, dass es für mehrere Wochen gereicht hätte. Schön, dass es überall solche Fans gibt.
    Bleibt so !
    Gruß aus dem Vogtland (Sachsen)
    Ronald W.

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