Ach wär‘ doch ein normaler Tag

Aufruf!!!

Spendet für Flüchtlinge, heißt sie in eurer Umgebung willkommen, damit sie nach Krieg, Tod und Vertreibung ein Zuhause finden können. Unterstützt die Aktion Blogger für Flüchtlinge!

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich habe ein neues Audiogame gefunden, das ich jetzt eigentlich gern intensiv ausprobieren möchte. Es liegt auf meiner Festplatte, und ich habe auch schon ein wenig gespielt. Ein Flugzeug stürzt ab, 10 Leute überleben und müssen sich viele Meilen zur nächsten Ansiedlung durchschlagen. Sie müssen ein Camp pro Tag bauen, Feuer machen, das Fleisch ihrer gefallenen Kameraden essen, sonst ist ja nichts da.
Da habe ich aufgehört zu spielen.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich könnte twittern und Zeitung lesen, in die Feuilletons schauen und mich geistreicher Gesellschaftskritik erfreuen.
Roger Willemsen ist an Krebs erkrankt, Egon Bahr ist gestorben, und in Sachsen gibt es 10 Verletzte vor einer Flüchtlingsunterkunft. Da habe ich aufgehört zu lesen.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich frühstücke gut und esse zu Abend, am Montag, wenn ich mich auf die Wage stelle, habe ich vermutlich etwas zugenommen, ich kriege das auch nie in den Griff, also mäckere ich ein wenig über mich selbst.
Und dann denke ich daran, wieviele Menschen auf der Flucht sterben, bevor sie hier, in Sicherheit, wieder Angst vor meinen Landsleuten haben müssen. Da höre ich auf zu mäckern.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich könnte schreiben: Erotik, um mich anzuregen, politische Fiktion, um mich einzulullen, in meinem Blog über Jugenderinnerungen, um mich fröhlich zu machen.
Und dann sehe ich die Realität der Politik, vor der ich mich nicht verstecken kann, und mir vergeht die Lust und die gute Erinnerung. Da höre ich auf zu schreiben.

NEIN!

Heute ist kein normaler Tag, und schon seit Wochen ist kein normaler Tag mehr!
Ich habe die scharfe Klinge der Sprache verloren, weil alles gesagt und abgeprallt ist.
Meine halben Verse sind verzweifelte, kraftlose Ausrufezeichen!

Wenn ich, was das Schicksal verhüten möge, einmal fliehen müsste, dann bitte bitte nicht nach Deutschland.
Dieses Land ist so arrogant, so voller Hass, so voller Dünkel! Hier hält man sich immer noch für die Herrenmenschen, und man versteckt es nur gut, solange nichts dazwischen kommt.
Wenn ich also fliehen müsste, wohin dann?

„Komm wir fliegen zum Pluto, lass uns Tanzen auf dem Mond,
gibt es einen Platz zwischen den Sternen, wo das Leben lohnt?“ (Het Goede Doel: „Belgien“ 1983)

Alles, was ich sage, kreist um die eine Tatsache, dass alles, was ich sehe, so unfassbar ist.
Als ich aufwuchs, wurde in meiner Familie auch über Flüchtlinge gesprochen. Damals, erzählte meine Mutter, damals nach dem zweiten Weltkrieg, da kamen sie alle aus dem Osten, die Großgrundbesitzer. Sie sagte: „Viele haben falsche Angaben über ihren Besitz gemacht, plötzlich hatten alle ein Rittergut, nur damit sie große Entschädigungen bekamen. Denen ging es schon schnell viel besser als uns.“
Einer unserer Nachbarn war auch in den siebzigern noch ein brutaler Brauner, und meine Mutter sagte: „Der kam aus dem Osten und war bei der SS!“ Aber andererseits sagte sie auch: „Die kamen hier teilweise an mit nichts als ihren Kleidern am Leib, die Kinder halb erfroren, alle halb verhungert. Aber wir hatten ja selber nichts, und trotzdem sind wir alle enger zusammengerückt.“
Ich habe daraus gelernt, dass es zwar Ressentiments gegenüber flüchtlingen gab, dass man am Ende aber zusammengearbeitet hat und das Land wieder aufbaute, mit Hilfe unserer neuen Verbündeten, der Care-Pakete und vieler freigiebiger schwarzer Soldaten. Das habe ich mir gemerkt, und ich habe geglaubt, dass diese Lektion viele Generationen lang hält.

Aber das tut sie nicht.

Die Braunen singen wieder, sie prügeln wieder, sie werden bald wieder morden?
Heute die Flüchtlinge, und morgen?
Deshalb habe ich Angst, und zwar an einem ganz normalen Tag. Deshalb kann ich nicht einfach das, was ich sehe, wieder vergessen. Es ist ständig in meinem Kopf. Aber mir fehlt inzwischen die Sprache, darum habe ich in meinem Hauptblog ein paar Leseempfehlungen ausgegeben, und darum schreibe ich hierr mal was politisches.

Denn es geht ja irgendwie um unser aller Leben, jeder von uns könnte zur gehassten Minderheit gehören. Kann sich irgendwer sicher fühlen? hat man vor 80 Jahren gedacht, es wären nur die Juden oder nur die Kommunisten?

Ich bin froh, dass meine Liebste sich ganz konkret für Flüchtlinge einsetzt. Zweimal in der Woche geht sie für 3 Stunden in die Notunterkunft in Cappel und sitzt dort am Telefon und am Empfang. Sie sieht die Kinder, die dort betreut werden und endlich mal spielen und sich freuen, hört, wie freundliche Menschen „Guten Tag“ und „Aufwiedersehen“ lernen und immer wieder sagen, bekommt mit, wie ordentlich die Flüchtlinge jeden ausgeliehenen Stift, jeden ausgeliehenen Schreibblock zurückgeben. Und dann erfährt sie, dass ehrbare marburger Bürger deutscher Herkunft Müll um das Flüchtlingscamp herum verteilen, um diese Verunreinigung den Flüchtlingen in die Schuhe schieben zu können. Was soll ich da noch sagen?

Und wenn es dann tatsächlich schwarze Schafe unter den hunderten Menschen gibt, die hier für ein oder zwei Wochen untergebracht werden, Menschen, die etwas mitgehen lassen, was eigentlich nur geliehen ist zum Beispiel? Wenn es also diese ein oder zwei Menschen gibt, sind dann alle Flüchtlinge schuld? In den Augen der sogenannten besorgten Bürger wird das plötzlich zu einer Mentalitätsfrage, obwohl es unter derselben Anzahl deutscher Bürger mindestens ebenso viele Kriminelle geben würde. Aber das glauben sie einfach nicht, und mit ihrer Hetze stecken sie die Medien an, und die stecken die Politiker an, und die fischen mit ihren Statements am rechten Rand, weil sie Angst um ihre Wahlerfolge haben, und diese Statements kommen dann wieder in die Medien, und das steckt dann wieder mehr Bürger an, die bislang höchstens unsicher waren. Merkt ihr nicht, wie die Politiker und die Rechten euch manipulieren?

Uns geht es gut, was geht uns das an. Das sagen viele von euch, nicht wahr? Aber was, wenn ihr morgen zu den gehassten gehören würdet?
Was, wenn ich morgen zu den Gehassten gehöre?

Ein ganz normaler Tag?

NEIN!

Natürlich werde ich gut essen, etwas hören, lesen, ein Computerspiel spielen, lieben und leben. Anders wäre diese Welt ja auch nicht auszuhalten. Und Gott sei dank funktioniert auch bei mir die Verdrängung für eine gewisse Zeit. Aber immer wieder frage ich mich, wie es den Flüchtlingen geht, für die keine Unterkunft da ist, oder die bedroht und verfolgt werden? Was müssen sie über uns denken? Noch werden sie vermutlich denken, dass es ihnen zuhause schlimmer ergangen wäre. Das hoffe ich zumindest.

Wenn wir ein besseres Land wollen, eines mit Idealen, mit Gerechtigkeit, auch für uns, dann müssen wir einfach damit anfangen, anderen gegenüber gerecht zu sein. Jetzt sofort, an einem normalen Tag!

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3 Antworten zu Ach wär‘ doch ein normaler Tag

  1. Pingback: Aus meinem Privatblog: Ach wär’ doch ein normaler Tag - Sprachlosigkeit, Zukunft, Rassismus, Flüchtlingshilfe, Faschismus, Flüchtlinge, Deutschland - Mein Wa(h)renhaus

  2. Ronald Wolf schreibt:

    Wieder ein äußerst kluger und mitfühlender Beitrag. Wir sind Brüder im Geiste. Manchmal halte ich die Nachrichten nicht mehr aus und höre Hörbücher oder CD’s von coolen Bands. Als Zeitungsausträger springen einen aber dann die Headlines an und die Gedanken sind sofort wieder aktiviert. Auch diskutieren die Menschen in meiner Umgebung und in der Arbeitswelt über die aktuelle Politik (in gewissen Grenzen). Mit meiner Sicht auf die Welt bin ich für viele ein wunderlicher Linker oder Roter. Aber ist es links, wenn man Verständnis für in Not geratene Menschen hat ? Dieses Deutschland macht mir auch Angst. Es ist so ein reiches Land und trotzdem nicht in der Lage die Flüchtlinge und Hilfesuchenden ordentlich zu versorgen und zu betreuen. Die Politiker sind offensichtlich überfordert. Die Mehrheit der Bevölkerung (zumindest in meiner Umgebung) ist fremdenfeindlich. Die Arroganz unerträglich. Dabei haben die Deutschen alle Gründe der Welt dankbar zu sein und Solidarität mit den Menschen die in Not geraten sind zu zeigen.
    Gestern war ein wunderschöner Tag und meine Frau und ich waren wunderbar essen . Das können wir uns leisten und erfreuen uns am relativen Wohlstand. Trotzdem haben wir immer wieder von diesen Flüchtlingen reden müssen und haben nachgedacht, warum die wohlhabenden Deutschen so feindlich gegenüber Fremden sind. Ich habe meiner Frau vom Engagement deiner Liebe erzählt und wir haben beschlossen auch etwas zu tun. Unser Zeitfond ist begrenzt, aber man muss sich einfach engagieren. Und auch für Spenden kann man immer etwas abzweigen, wenn man es denn wirklich will.
    Dank deines Blogs sehe ich, dass auch Andere so denken wie wir und das gibt uns Energie.
    Wir dürfen nicht aufgeben und uns von der konservativen Mehrheit kraft-und antriebslos machen lassen.
    Morgen ist bei uns eine Proflüchtlingsdemo und ich gehe auf jeden Fall hin. Man muss doch die Flagge der Anständigen zeigen !
    Gruß aus dem Vogtland (Sachsen)
    Ronald

  3. Ronald Wolf schreibt:

    PS: Die Demo war sehr klein (ca.200) und ich war bestimmt der zweitälteste Teilnehmer. Die Plauener Einwohner haben sich bewusst zurück gehalten. Schade. Ein Mitglied der AFD hat die Demonstranten gefilmt (wofür brauch er das ?). So kläglich wie die Demo war, aber es war wenigstens eine Aktion. Die jungen Menschen waren engagiert und machten mir Mut.

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