Von der Teilhabe am Ruhm der Anderen

Manchmal werde ich gefragt, ob ich beim Ohrfunk Geld verdiene. Wenn ich dann mit „nein“ antworte, wundern sich einige Leute darüber, dass ich das schon so lange mache, ohne dafür finanziell entlohnt zu werden. Es gefällt mir, wenn sie den Kopf schütteln, es ist die Bestätigung dafür, dass ich irgendetwas richtig mache, dass ich eine Sache um der Sache willen mache, und dass ich nicht einfach etwas Anderes mache für Geld, was mir dann aber nicht gefallen würde.

Früher wollte ich Politiker werden, oder Bundesverfassungsrichter, oder, vor 10 Jahren, wenigstens berühmter Radiomoderator. Ich wollte etwas bewegen. Auch noch, als ich mein Blog anfing. Ein Radiokollege sagte einmal zu mir: „Ich bin eine Rampensau, und du auch.“ Damals stimmte das noch. Inzwischen hat sich das deutlich gelegt.

Manchmal hadere ich noch ein wenig damit, dass meine Blogs so wenig besucht werden, oder dass von meinem Buch mit Blogtexten in anderthalb Jahren genau 2 Stück verkauft wurden. Aber das geschieht immer seltener. Ich entwickle mich immer mehr zu jemandem, der eher im Hintergrund bleibt. Wenn ich heute Interviews führe, ist mir der Nervenkitzel, ein besonderes Erzeugnis produzieren zu wollen, ziemlich abhanden gekommen, hauptsache, ich lege ordentliche Arbeit ab und bin für meine Kollegen zuverlässig. Denn das war ich früher nicht so sehr, als ich noch hochfliegende Träume hatte.

Und ich sonne mich manchmal im Ruhm Anderer.

Da ist eine meiner allerbesten Freundinnen. Sie hat ein eigenes Unternehmen gegründet, ist Dolmetscherin und Tourismusberaterin und dolmetschte auf der frankfurter Buchmesse. Ich war stolz darauf, sie letzte Woche im HR bei der ARD-Nacht der Bücher gehört zu haben, wo sie souverän einen brasilianischen Autor dolmetschte. Sicher: Daran habe ich keinen Anteil, aber sie hat hier bei mir im Studio gesessen, 75 Texte über ihre Wahlheimat Brasilien eingesprochen und hier ihre ersten Radioerfahrungen gesammelt. Und ich darf sagen, ich bin dabei gewesen.

Eine Kollegin von mir, die ich schon seit der Schulzeit kenne, ist zu einem Sternchen in der freien Radiowelt geworden. Sie steht auf du und du mit der halben ARD, arbeitet für viele Sender, wird für ihre Natürlichkeit und Fröhlichkeit von den Hörerinnen und Hörern geschätzt und hat sich eine Fangemeinde aufgebaut. Und das, obwohl sie auch in unseren Kreisen manchmal als Schlagertante abqualifiziert wurde. An all dem habe ich keinen Anteil, aber sie hat in diesem Studio, in dem ich jetzt sitze und dies schreibe, ihre erste Radiosendung aufgenommen, und zumindest einen Rat konnte ich ihr mit auf den Weg geben.

Mein ältester Freund schreibt seit rund 13 Jahren Monat für Monat zwei bis drei ausführliche Geschichten, sogenannte Fan Fictions, die im Harry-Potter-Universum spielen. Ihm gehen die Ideen nicht aus. Auch er hat eine Fangemeinde. Menschen warten um Mitternacht beim Monatswechsel auf seine Geschichten, die schon das fünf- bis zehnfache von dem ausmachen, was Joanne K. Rowling je geschrieben hat. Ganze Regale könnte man mit seinen Werken füllen, wenn man sie drucken würde. Menschen nehmen sich einen Tag frei, um Monat für Monat seine Geschichten lesen zu können. An all dem habe ich keinen Anteil, aber seit frühester Kindheit haben wir miteinander unsere Fantasie geschult, Geschichten entworfen und aufgeschrieben.

Seit 15 Jahren arbeite ich immer mal wieder mit einem Mann zusammen, er heißt Franz-Josef Hanke, der im Bereich Journalismus und Bürgerrechtsfragen in Hessen eine Berühmtheit ist. Für sein Engagement erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Er ist einer, der Kompliziertes gern mit einfachen Worten sagt, der sich unermüdlich für Gerechtigkeit und Freiheit engagiert. An all dem habe ich keinen Anteil, aber ich bin bei einigen Aktionen sein Juniorpartner gewesen, und er hat mich in manchen Gesprächen an seinen reichhaltigen Erfahrungen teilhaben lassen.

Heute bin ichs zufrieden. Ab und an schreibe ich ins Blog, manchmal kriege ich eine Resonanz. Wie schrieb Thommy Bayer einmal in einem seiner Lieder: „Ich will gar nicht mehr zum Mond, ich flieg nur noch in die Küche, wo ich auch die Armaturen nicht versteh.“ Ich bin keine Rampensau mehr. Ich lebe lieber friedlich vor mich hin und tue das, was ich kann. Ich bin an einem Punkt, wo ich meine persönlichen Grenzen nicht nur erkenne, sondern wo ich sie akzeptiere und meinen Frieden damit mache. So lebt es sich entspannter. Und manchmal sonne ich mich im Ruhm anderer Menschen und lasse mich ein klein wenig von ihren Strahlen wärmen.

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