Mein 29. Dezember bricht an

In marburg liegt die Temperatur gerade an diesem frühen Morgen bei 1 Grad, und offiziell schneit es leicht. Offiziell deshalb, weil ich dies für meine Straße durch einen Blick aus dem Fenster gerade nicht bestätigen kann. Aber so verkündet es die Wetterstation in meiner Nähe. Das ist doch ein vortreffliches Wetter für einen 29. Dezember, nicht wahr?

Natürlich weiß ich, dass der gregorianische Kalender heute den 12. Februar 2016 als offizielles Datum nennt. Wie könnte ich es vergessen, es ist mein 47. Geburtstag. Aber genau so sicher weiß ich, dass es zwei Tage vor Beginn meines neuen Jahres ist, also mein persönlicher 29. Dezember.

Obwohl ich Geburtstag habe, steckt der Tag voller Arbeit. Für den Ohrfunk werde ich einen Blogbeitrag schreiben, einen Newsleter veröffentlichen, womit ich unser neues Newslettermodul der neuen Homepage einweihe, ich werde mit meiner Liebsten eine Hörspielsendung produzieren und für Sonntag die Sendung Candlelight so weit vorbereiten, dass ich sie nur noch abzufahren brauche. Dann endlich kann ich mich den eigentlich wichtigen Ereignissen des Tages widmen: Ein Ablaufplan für das Wochenende muss in Punktschrift und auf eine Braillezeile übertragen werden, zwei lange Musiklisten müssen bereit stehen, und außerdem sollte ich ausgeschlafen sein. – Denn heute beginnt das dreitägige Jahresfest meines Freundeskreises. Es ist die 31. Veranstaltung dieser Art, und wir feiern unser 30jähriges Bestehen.

Irgendwann werden sie kommen, aus Hamburg und Wuppertal, und natürlich hier aus Marburg, und wir werden uns wenigstens dieses eine mal im Jahr zusammen setzen, gut essen, über das Jahr plaudern, uns auf den neuesten Stand bringen, Bowle trinken und natürlich unsere Jahreshitparade ausspielen. Wie ein solches Wochenende abläuft, und was das Besondere an unserem Freundeskreis ist, habe ich schon öfter zum Jahreswechsel erzählt. Für mich endet das Jahr mit dem Platz Nr. 1 unserer Jahreshitparade, und es beginnt mit dem gleich im Anschluss gespielten Lied „Happy new year“, irgendwann am frühen Sonntag Abend. Dieses gemeinsame Wochenende mit den besten Freunden, oder sagen wir, den ältesten Freunden, gibt eine Menge Kraft und Lebensmut und Lebensfreude. Normalerweise treffen wir uns immer am dritten Adventwochenende, aber aus Krankheitsgründen mussten wir unser Jahresfest auf den Februar verschieben. Aber das machte nichts: Schon letztes Jahr fand das Treffen im Februar statt, weil im Dezember davor ein befreundetes Ehepaar ein Kind bekam, so bleibt die Länge meines persönlichen Jahres eigentlich ganz normal.

Und es war ein sehr turbulentes und abwechslungsreiches Jahr. Einige von uns haben eine Ausbildung begonnen oder abgeschlossen, ein kleines Kind verbrachte sein erstes Jahr auf dieser Welt, die vielen Flüchtlinge in diesem Land haben uns beschäftigt, in unserem Umfeld gab es einen rechtsradikalen Anschlag, wir kennen Menschen, die zu fanatischen Rechtspopulisten und Frauenhassern wurden. Und ich selbst habe eigentlich alle meiner politischen Illusionen verloren, habe verlernt, an die Selbstheilungskräfte in unserem Land zu glauben, habe den Hass und die gnadenlose Unversöhnlichkeit und Hetze im Internet zu spüren bekommen. Und doch gebe ich nicht ganz auf und bin der humanistischen Union beigetreten. Trotzdem: Der Verlust dieser Illusionen, die Belastung im Ohrfunk, all das wird in den nächsten Wochen für mich Konsequenzen haben. Ein Jahresfest ist ein guter Zeitpunkt, mit den Freunden darüber zu reden, obwohl es auch ein guter Zeitpunkt zum feiern ist.

Heute Abend schon werden wir beisammen sitzen, Salat und Baguettes essen und miteinander scherzen und lachen. Vermutlich werden wir keine Weihnachtslieder singen. In meiner Unterhaltungsliste für den heutigen Abend waren ursprünglich welche enthalten, aber die war ja für den Dezember gedacht. Ich habe sie gestern schnell noch entfernt. Jetzt, wo es ein wenig schneit, überlege ich es mir vielleicht noch einmal anders.

Ich wünsche allen ein gutes Jahr, lasst euch nicht entmutigen und bleibt friedlich.

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Mit Blick auf morgen: Meine Lieblingssendung im niederländischen Radio wird 40

„Sie Hören:“Mit blick auf Morgen“, mit aktuellen Nachrichten aus Radio und Fernsehen, den Haag heute, der zeitung von Morgen und Entwicklungen und Hintergründen der Nachrichten. Draußen sind es 4 Grad, drinnen sitzt Jens Bertrams.“

So wird sich der Anfang der Sendung „met het oog op morgen“ nie anhören, aber früher habe ich mir oft vorgestellt, es würde einmal so klingen und ich selbst würde in einem Radiostudio sitzen und mit ruhiger Stimme über das Tagesgeschehen sprechen, Interviews führen, ein wenig spannende Musik ansagen und mit Experten über die Welt diskutieren.

Heute vor 40 Jahren startete die Sendung „Met het oog op morgen“, der allabendliche Tagesüberblick im niederländischen Radio. Jeden Abend um fünf Minuten nach elf Uhr erklingt der Refrain von „Gute Nacht Freunde“ von Reinhard Mey, und dann spricht Hans Hogendoorn immer dieselben Worte, nur die Gradzahl und der Moderator ändert sich. Der Moderator spricht noch einen persönlichen Satz oder einen Merkspruch, ein kleines Gedicht oder einen Gedanken zum aktuellen Geschehen aus, dann folgt der Nachrichtenüberblick mit O-Tönen. Obwohl die Weltlage dramatisch ist, bleiben die Moderatoren ruhig und sachlich, auch wenn die O-Töne bedrohlich oder angsteinflößend sein mögen wie bei den Anschlägen in Paris oder bei der Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking.

Nach dem Nachrichtenüberblick folgt der Blick in die Zeitungen, bevor das erste Musikstück gespielt wird. Erst dann wendet sich der Moderator oder die Moderatorin mit den Interviewpartnern ein oder zwei unterschiedlichen Themen zu, zwischen denen ein kurzes Musikstück erklingt, manchmal sogar live. Mich beeindruckt die ruhige Art, die Tatsache, dass man dort den Eindruck erweckt, man hat auch Zeit in die Tiefe zu gehen, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu machen. Wenn es passt kommt aber trotzdem mal ein klein wenig Humor durch, das hängt von der Persönlichkeit der Leute ab, die da miteinander reden. Denn auch das ist faszinierend: Obwohl die Sendung nach dem immer gleichen Schema abläuft, bis hin zu den Ansagen der Rubriken, die der Sprecher Hans Hogendoorn seit 40 Jahren auf dieselbe Weise durchführt, hat jeder Moderator und jede Moderatorin seinen oder ihren eigenen Stil und übt einen subtilen Einfluss auf die Sendung aus, die dadurch bunt, vielfältig und doch wohltuend verlässlich wird. Ein Ruhepool im Nachrichtengewimmel, und genau so wollte ich immer Journalismus machen. Um „fünf vor 12“ kommt die gleichnamige Rubrik mit einem kleinen entspannenden Thema, vielleicht auch etwas zum Schmunzeln, bevor Reinhard Mey uns dann in die Nacht verabschiedet.

Warum erzähl ich das alles hier? – Ich habe diese Sendung erstmals gehört, da war ich 9 Jahre alt. Wir waren in den Ferien in den Niederlanden, und „Das Auge“, wie man die Sendung abkürzt, gab es erst seit 2 Jahren. Ich habe mich schon damals über das deutsche Lied „Gute nacht Freunde“ gewundert und es dadurch überhaupt erst kennengelernt. Als meine Familie 4 Jahre später ein Ferienhäuschen in den Niederlanden kaufte, und als ich mich für Radio zu interessieren begann, kam ich schnell wieder an dieser Sendung vorbei. Ich war 13 und längst absolut von Politik begeistert. Nur mit der niederländischen Sprache haperte es noch, aber auch anhand des „auges“ habe ich sie gelernt. Damals hörte das Radioprogramm um Mitternacht auf: Die Sendung war die letzte des Tages, danach erklang nur noch die Nationalhymne und dann der Test- und Pausenton. Es wurde still auf den Frequenzen, des Tages Hast kam zu einem Ende.

Als ich später hier nach Marburg ging, kam ich nur noch selten in die Niederlande, wo ich zuvor jedes Wochenende und alle Schulferien verbracht hatte. Manchmal konnte ich abends über Kurz- oder Mittelwelle ganz schwach den Sender Hilversum 1 hören, oder hieß der da schon Radio 1, und wenn dann zu erahnende Fetzen von Reinhard Meys Abendlied aus dem Lautsprecher drangen, wenn ich nur an der Sprachmelodie die immer selbe Ansage hörte, ohne vom Inhalt der Sendung auch nur ein Wort verstehen zu können, dann war es für mich ein Gruß aus der Heimat. Es linderte mein Heimweh, und es stachelte es zugleich an, wenn ich mich nicht wohl fühlte.

In den neunziger Jahren habe ich wieder oft „Das Auge“ gehört. Mehr und mehr habe ich auf den journalistischen Stil geachtet, mehr und mehr wurde mir diese unverrückbare Art der abendlichen Weltsortierungssendung zum Vorbild. Viel später, als ich selbst Gelegenheit hatte, eine Magazinsendung in einem Internetsender zu moderieren, habe ich versucht, sie auf ähnliche Weise aufzuziehen wie „Das Auge“.

Aber irgendwie ist es wie verhext: Seit ich Internet hab, seit ich die Sendung auch via Podcast hören kann, was mich ungeheuer freute, seither höre ich sie kaum noch. Ich denke immer: „Das kannst du ja auch morgen über Tag machen“, aber das stimmt nicht. Man kann diese Sendung nicht am Tag hören, und schon gar nicht kann man sie vorspulen, oder irgendetwas auslassen. Man hört sie, oder man hört sie nicht, man lässt sich von ihrer Ruhe mitnehmen, oder man fängt gar nicht erst an. Sie in den hektischen Alltag einzubauen ist jedenfalls unmöglich.

Am 5. Januar 1976 wurde „Mit Blick auf morgen“ erstmals ausgestrahlt. Die echten Fans verlangen, dass sich nichts, aber auch gar nichts, an dieser Sendung ändert. Als man die alte Aufnahme von „Gute Nacht Freunde“ mit ein paar dezenten Orchesterklängen unterlegte, dauerte es eine Weile, bis sich die Hörer daran gewöhnten. Es war auch erwogen worden, eine neue Erkennungsmelodie zu nehmen, doch das hatte einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Dabei waren anfangs längst nicht alle begeistert von dem deutschen Lied, zu frisch war die Erinnerung an die Besatzungszeit. Aber Reinhard Mey hatte 1975 die Niederlande besucht, und das Lied war gut angekommen. Nach anfänglichen Bedenken entwickelte es sich zum unverzichtbaren und festen Bestandteil der Sendung, und bei jedem Jubiläum gibt es auch ein Interview mit Reinhard Mey.

Ich sollte wieder anfangen, „het oog“ zu hören, gerade jetzt, wo ich dringend Erklärungen für die Lage der Welt brauche, und wo ich sie in Ruhe und mit Sachlichkeit brauche. Ich sollte mir die Zeit nehmen, abends zwischen 11 und 12, wo alles andere zur ruhe gekommen ist.

„Das war „mit Blick auf Morgen“, vielen Dank fürs Zuhören. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, morgen sitzt hier (Zum Beispiel) Lucella Carasso.“

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Frohes Neues!

Heute ist wieder dieser Tag mit den guten Vorsätzen. Zum Beispiel dem, dass ich wieder häufiger bloggen werde, gerade auch in diesem Blog. In der Politik bin ich ja inzwischen recht sprachlos und wiederhole mich oft, aber im Privaten habe ich hoffentlich doch ab und an noch etwas nicht offizielles zu sagen. Es gibt auch den Vorsatz, weniger zu arbeiten, und zumindest den werde ich ab April befolgen. Ich habe mich entschieden, beim Ohrfunk etwas kürzer zu treten und mal für ein halbes Jahr aus der Aktuelles-Redaktion auszusteigen. Ich hatte in meinem Kopf, in meinem Geist kaum noch Platz für etwas Anderes, und ich fühlte und fühle eine leichte depressive Anwandlung. Deshalb muss da unbedingt einmal eine Pause her, allerdings kontrolliert und gut vorbereitet.

Dieser 1. Januar ist ja für viele ein besonderer Tag, und ich stimme dem zu, was die Zeiteinteilung angeht, aber für mich ist das Jahr 2015 noch nicht zu ende, denn ich beende es ja immer mit dem Jahresfest unseres Freundeskreises. Normalerweise findet das am 3. Advent statt, aber aus Krankheitsgründen haben wir es diesesmal auf mitte Februar verschoben, also endet mein Jahr 2015 ungefähr mitte Februar.

Auch ich hab mir für 2016 neben dem häufigeren Bloggen wieder einiges vorgenommen. Zum einen möchte ich mal wieder mehr Zeit mit Freunden verbringen und mich austauschen, zum Anderen möchte ich ein sogenanntes Gamebook schreiben, ein Multiple-Choice-Computerspiel oder interaktives Buch. Es soll natürlich mit Politik zu tun haben und „Regierungsbildung“ heißen. Ich hoffe, mich im Frühjahr und Sommer mal wirklich damit befassen zu können. Wie genau ich mit dem Mehr an Freizeit umgehen werde, das ich dann hoffentlich haben werde, kann man ja nie so gut voraussagen. Aber das ist, was ich mir so vorgenommen habe.

Die ersten Tage des Jahres lassen wir es uns so richtig gut gehen. Wir produzieren zwar hier eine Hörspielsendung, da eine Literaturecke, und dort senden wir eine sonntägliche Musiksendung, aber im Großen und Ganzen freuen wir uns des Lebens. Meine Liebste hat mir zu Weihnachten, das wir sehr still verbracht haben, einen Sandwich maker geschenkt, und jetzt sitzen wir morgens da, essen in aller Gemütsruhe Sandwiches und lauschen Churchills zweitem Weltkrieg als Hörbuch.

Die Deutsche Zentralbibliothek für Blinde in Leipzig hat nämlich einen neuen Service namens Daisy-Online im Testbetrieb eröffnet. Mit meinem Internetradio kann ich mich dort anmelden und mir sofort Bücher ausleihen, die ich mir früher auf CD oder Kassette schicken lassen musste. Ich kann sofort lesen, und die Damen und Herren von der Hörbücherei müssen mir das nicht zusenden. Find ich eine tolle Idee, und es macht großen Spaß, auf diese Weise Bücher zu lesen.

Und nun, liebe Leserinnen und Leser, genießt euer Leben, ihr habt nur eines. Lasst es euch gut gehen, seid Wachsam, oder wie meine Liebste immer sagt: „Leistet Widerstand, wo ihr müsst, genießt das Leben, wo ihr könnt!“ Ich wünsche euch alles Liebe und gute, Frieden, Gesundheit, Harmonie und einen großen Sack voller Glück.

Wir lesen uns bald wieder!

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Und ich hab mich hingesetzt und begonnen, aus meinen Träumen einen Turm zu errichten

Es war ein sonniger Samstag, mitten im Sommer des Jahres 1985: Samstag, der 24. August 1985, um genau zu sein. Es war der erste Samstag nach den großen Schulferien, ein Samstag mit 4 Unterrichtsstunden, ein Samstag mit Sonne und blauem Himmel. Und es war ein Tag, der mein Leben verändern sollte, verändern für alle Zukunft.

Dabei sah es am Anfang gar nicht danach aus. Die Schule machte mir an diesem Tag keinen Spaß, ich war damals in der achten Klasse der Carl-Strehl-Schule an der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. In meiner Wohngruppe, ganz in der Nähe der Schule gelegen, fühlte ich mich nicht besonders wohl, denn ich war der einzige vollkommen Blinde Schüler dort, die anderen waren mehr oder weniger sehbehindert und konnten mit mir relativ wenig anfangen. Und außerdem hatte ich mich noch heftig aber unglücklich in eine Gruppenkameradin verliebt: Meine erste Erfahrung mit diesem Gefühl, obwohl ich schon 16 ganze und ein halbes Jahr auf dem Buckel hatte.

Und dann war da noch die Sache mit meinen Spleens und Interessen, für die weder Betreuer noch Mitschüler besonderes Verständnis aufbrachten. Mein Steckenpferd war schon damals die Politik, und ich befasste mich mit dem Unterschied zwischen Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit. Nicht wissenschaftlich, dafür war ich dann doch noch etwas jung, aber auf meine eigene Weise. Mit zwei Freunden hatte ich im Mai 1983 an unserem ständigen Ferienort, dem niederländischen Campingplatz Heelderpeel einen eigenen kleinen Staat gegründet. Wir wollten herausfinden, wie Politik funktionierte, und ob man mit einer guten Verfassung und einer guten Staatsidee die Welt nicht ein wenig besser machen könnte. Dieser Staat, die Demokratische Republik Deutsch-Niederlande, bestand auch noch im August 1985. In Marburg hatte ich ein paar Freunde gewonnen, die sich dieser Idee angeschlossen hatten. An diesem Samstag veranstalteten wir wieder einmal eine Parlamentssitzung.

Die Schule ging bis 12 Uhr, keiner von uns war hungrig, und so traf sich gegen 12:15 Uhr in meinem Einzelzimmer im Internat eine kleine Gruppe von Menschen, die sich für Politik interessierten. Zwei Gruppen- und zwei Klassenkameraden von mir kamen. Einer von zwei Tagesordnungspunkten unserer heutigen Sitzung war ganz und gar unpolitisch, er befasste sich mit der Gründung einer Medienorganisation, die für unseren Staat eine wöchentliche offizielle Hitparade erstellen sollte. Im Gegensatz zu den großen Staaten in der Nachbarschaft wollten wir keine Top 100, Top 75 oder Top 50 ermitteln, uns genügte eine wöchentliche Top 10. Auf die Idee gekommen waren mein Freund Uli und ich im Juni als wir voneinander erfuhren, dass jeder von uns seit einem knappen Jahr wöchentlich eine eigene, private Hitparade erstellte. Beide waren wir schon damals Musik- und Radiobegeistert, und so spielten wir jede Woche unsere Hitparade aus und präsentierten sie eventuellen Zuhörern wie eine Rundfunksendung. Ob Uli Zuhörer hatte, weiß ich nicht, mir hörten hin und wieder meine Eltern, meine Schwester oder ein paar Freunde zu. Als wir unseren „Mitbürgern“ davon erzählten, fanden die, es sei eine gute Idee, für die DN, wie wir unseren Staat abkürzten, eine eigene Hitparade zu eröffnen. So beschloss die „Staatsversammlung Nr. 8 vom 24. August 1985“ die Gründung der „Deutsch-Niederländischen Medienstiftung“, abgekürzt DNMS. Die erste Hitparade sollte noch am selben Tage ermittelt werden. Alle, die sich beteiligen wollten, gaben also bei mir ihre Top 10 ab, der Platz 1 erhielt 10 Punkte, der Platz 10 bekam einen Punkt, und weil einige aktuelle Lieder sicherlich in mehreren Hitparaden vertreten sein würden, ergab sich beim Zusammenzählen eine Punktereihenfolge, die offizielle Hitparade der DN, ermittelt durch die DNMS. Ein weiteres nettes Spielchen, dachte ich damals.

Gegen 14:30 Uhr saßen wir dann wieder in meinem Zimmer, der Kassettenrecorder war angeschlossen, die „Ausstrahlung“ der ersten Hitparade konnte beginnen. Mit dem Stück „Lucifer“ von „The Alan Parsons Project“ nahm die DNMS ihren Sendebetrieb auf.

An diesem Tag hörten wir bei 5 eingereichten Einzellisten die unterschiedlichste Musik. Da waren Titel wie „Crazy for You“ von Madonna,
„Kayleigh“ von Marillion,

und „Tarzan Boy“ von Baltimora,

die man in jeder Hitparade der damaligen Zeit hören konnte. Aus den Niederlanden und ihrer Hitparade brachte ich Schlager wie „Waarom fluister ik je naam nog“ von Benny Neyman mit,

aber auch einen jungen Mann namens Georgie Davies, der in seinem Song „Blackstar“ zumindest mich irgendwie an Steevie Wonder erinnerte.
Mein damaliges Lieblingslied stammte auch aus den Niederlanden, war allerdings schon drei Jahre alt und wurde von der damals sehr bekannten niederländischen Band BZN gespielt. „Just an illusion“ hieß der Titel.
6 Wochen zuvor hatte das Life-Aid-Festival stattgefunden, und mein Freund Uli wählte den sowjetischen Beitrag zu diesem Ereignis, dessen Titel mir leider entfallen ist. Ein anderes Mitglied unserer kleinen Runde wählte besonders gern das Lied „Zeugnistag“ von Reinhard Mey.

Nur ein einziges Lied schaffte es in dieser ersten Hitparade, mehr als 10 Punkte zu erlangen, so unterschiedlich waren doch unsere Geschmäcker. Im Frühjahr 1985 war es in Europa ein mittelmäßiger Hit gewesen, inzwischen wurde es kaum noch gespielt. Es stammte von der schwedischen Sängerin Agnetha Vältskog, die früher bei ABBA gesungen hatte, und hieß: „I won’t let you go“.

Vielleicht fragt ihr euch, warum ich das alles schreibe? Warum habe ich am Anfang dieses Textes gesagt, dass dieser Samstag im August, heute vor 30 Jahren, mein Leben veränderte?
In seinem wundervollen Lied „Der Turm“, auch unter dem Namen „zum Himmel hoch“ bekannt, sagt der österreichische Sänger Ludwig Hirsch, was es dazu zu sagen gibt: „An diesem Tag beschloss der Franz nicht Verhaltensforscher, sondern Ziegelhersteller, der Jakob nicht mehr Astronaut, sondern technischer Zeichner zu werden, der Thomas beschloss, Architektur zu studieren, die kleine Hilde wollte sowieso immer Maurer lernen, und ich beschloss ganz einfach, Träumeerzähler zu werden. Und wir schworen uns hoch und heilig: Bald, sehr bald bauen wir uns einen Turm, einen Turm bis zum Himmel hoch.“ Dieser Samstag im August 1985 legte den Grundstein für meinen lebenslangen engsten Freundeskreis. Das Staatsspiel haben wir inzwischen eingestellt, aber die Hitparade, die gibt es immer noch. Wöchentlich geben rund 8 Menschen mehr oder weniger regelmäßig ihre Hitparaden ab und erzählen dabei über ihre Woche, über ihre Erlebnisse und Gefühle. Die meisten wohnen hier in Marburg, aber im Alltag sieht man sich nicht so häufig, wie es unter besten Freunden eigentlich sein sollte. also gibt es unsere Mailingliste. Aber auch in anderen Teilen Deutschlands leben einige von uns: In Wuppertal und Hamburg. Seit 30 Jahren gibt es diesen Freundeskreis, der manches gemeinsam unternimmt, in dem man sich gegenseitig unterstützt, wenn es nötig wird, in dem man füreinander Hochzeits- und Geburtstagsfeiern ausrichtet. Ein Kreis, der sich jedes Jahr zu einem grandiosen Jahresfest trifft, und für den dann das Jahr zu ende ist, nicht vorher und nicht nachher.

Eigentlich hätte dieser Tag heute gefeiert werden müssen, aber der Alltag verhinderte es, und vielleicht verschieben wir diese Feier auf das Jahresfest 2015. Auch wenn wir uns nicht mehr so häufig treffen: In der Seele sind wir eng miteinander verbunden. Und immer, wenn wir uns treffen, können wir das Lied von Hannes Wader spielen: „Gut, wieder hierr zu sein“, eine unserer ewigen Hymnen.

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Ach wär‘ doch ein normaler Tag

Aufruf!!!

Spendet für Flüchtlinge, heißt sie in eurer Umgebung willkommen, damit sie nach Krieg, Tod und Vertreibung ein Zuhause finden können. Unterstützt die Aktion Blogger für Flüchtlinge!

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich habe ein neues Audiogame gefunden, das ich jetzt eigentlich gern intensiv ausprobieren möchte. Es liegt auf meiner Festplatte, und ich habe auch schon ein wenig gespielt. Ein Flugzeug stürzt ab, 10 Leute überleben und müssen sich viele Meilen zur nächsten Ansiedlung durchschlagen. Sie müssen ein Camp pro Tag bauen, Feuer machen, das Fleisch ihrer gefallenen Kameraden essen, sonst ist ja nichts da.
Da habe ich aufgehört zu spielen.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich könnte twittern und Zeitung lesen, in die Feuilletons schauen und mich geistreicher Gesellschaftskritik erfreuen.
Roger Willemsen ist an Krebs erkrankt, Egon Bahr ist gestorben, und in Sachsen gibt es 10 Verletzte vor einer Flüchtlingsunterkunft. Da habe ich aufgehört zu lesen.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich frühstücke gut und esse zu Abend, am Montag, wenn ich mich auf die Wage stelle, habe ich vermutlich etwas zugenommen, ich kriege das auch nie in den Griff, also mäckere ich ein wenig über mich selbst.
Und dann denke ich daran, wieviele Menschen auf der Flucht sterben, bevor sie hier, in Sicherheit, wieder Angst vor meinen Landsleuten haben müssen. Da höre ich auf zu mäckern.

Ach: Wär‘ doch ein normaler Tag!
Ich könnte schreiben: Erotik, um mich anzuregen, politische Fiktion, um mich einzulullen, in meinem Blog über Jugenderinnerungen, um mich fröhlich zu machen.
Und dann sehe ich die Realität der Politik, vor der ich mich nicht verstecken kann, und mir vergeht die Lust und die gute Erinnerung. Da höre ich auf zu schreiben.

NEIN!

Heute ist kein normaler Tag, und schon seit Wochen ist kein normaler Tag mehr!
Ich habe die scharfe Klinge der Sprache verloren, weil alles gesagt und abgeprallt ist.
Meine halben Verse sind verzweifelte, kraftlose Ausrufezeichen!

Wenn ich, was das Schicksal verhüten möge, einmal fliehen müsste, dann bitte bitte nicht nach Deutschland.
Dieses Land ist so arrogant, so voller Hass, so voller Dünkel! Hier hält man sich immer noch für die Herrenmenschen, und man versteckt es nur gut, solange nichts dazwischen kommt.
Wenn ich also fliehen müsste, wohin dann?

„Komm wir fliegen zum Pluto, lass uns Tanzen auf dem Mond,
gibt es einen Platz zwischen den Sternen, wo das Leben lohnt?“ (Het Goede Doel: „Belgien“ 1983)

Alles, was ich sage, kreist um die eine Tatsache, dass alles, was ich sehe, so unfassbar ist.
Als ich aufwuchs, wurde in meiner Familie auch über Flüchtlinge gesprochen. Damals, erzählte meine Mutter, damals nach dem zweiten Weltkrieg, da kamen sie alle aus dem Osten, die Großgrundbesitzer. Sie sagte: „Viele haben falsche Angaben über ihren Besitz gemacht, plötzlich hatten alle ein Rittergut, nur damit sie große Entschädigungen bekamen. Denen ging es schon schnell viel besser als uns.“
Einer unserer Nachbarn war auch in den siebzigern noch ein brutaler Brauner, und meine Mutter sagte: „Der kam aus dem Osten und war bei der SS!“ Aber andererseits sagte sie auch: „Die kamen hier teilweise an mit nichts als ihren Kleidern am Leib, die Kinder halb erfroren, alle halb verhungert. Aber wir hatten ja selber nichts, und trotzdem sind wir alle enger zusammengerückt.“
Ich habe daraus gelernt, dass es zwar Ressentiments gegenüber flüchtlingen gab, dass man am Ende aber zusammengearbeitet hat und das Land wieder aufbaute, mit Hilfe unserer neuen Verbündeten, der Care-Pakete und vieler freigiebiger schwarzer Soldaten. Das habe ich mir gemerkt, und ich habe geglaubt, dass diese Lektion viele Generationen lang hält.

Aber das tut sie nicht.

Die Braunen singen wieder, sie prügeln wieder, sie werden bald wieder morden?
Heute die Flüchtlinge, und morgen?
Deshalb habe ich Angst, und zwar an einem ganz normalen Tag. Deshalb kann ich nicht einfach das, was ich sehe, wieder vergessen. Es ist ständig in meinem Kopf. Aber mir fehlt inzwischen die Sprache, darum habe ich in meinem Hauptblog ein paar Leseempfehlungen ausgegeben, und darum schreibe ich hierr mal was politisches.

Denn es geht ja irgendwie um unser aller Leben, jeder von uns könnte zur gehassten Minderheit gehören. Kann sich irgendwer sicher fühlen? hat man vor 80 Jahren gedacht, es wären nur die Juden oder nur die Kommunisten?

Ich bin froh, dass meine Liebste sich ganz konkret für Flüchtlinge einsetzt. Zweimal in der Woche geht sie für 3 Stunden in die Notunterkunft in Cappel und sitzt dort am Telefon und am Empfang. Sie sieht die Kinder, die dort betreut werden und endlich mal spielen und sich freuen, hört, wie freundliche Menschen „Guten Tag“ und „Aufwiedersehen“ lernen und immer wieder sagen, bekommt mit, wie ordentlich die Flüchtlinge jeden ausgeliehenen Stift, jeden ausgeliehenen Schreibblock zurückgeben. Und dann erfährt sie, dass ehrbare marburger Bürger deutscher Herkunft Müll um das Flüchtlingscamp herum verteilen, um diese Verunreinigung den Flüchtlingen in die Schuhe schieben zu können. Was soll ich da noch sagen?

Und wenn es dann tatsächlich schwarze Schafe unter den hunderten Menschen gibt, die hier für ein oder zwei Wochen untergebracht werden, Menschen, die etwas mitgehen lassen, was eigentlich nur geliehen ist zum Beispiel? Wenn es also diese ein oder zwei Menschen gibt, sind dann alle Flüchtlinge schuld? In den Augen der sogenannten besorgten Bürger wird das plötzlich zu einer Mentalitätsfrage, obwohl es unter derselben Anzahl deutscher Bürger mindestens ebenso viele Kriminelle geben würde. Aber das glauben sie einfach nicht, und mit ihrer Hetze stecken sie die Medien an, und die stecken die Politiker an, und die fischen mit ihren Statements am rechten Rand, weil sie Angst um ihre Wahlerfolge haben, und diese Statements kommen dann wieder in die Medien, und das steckt dann wieder mehr Bürger an, die bislang höchstens unsicher waren. Merkt ihr nicht, wie die Politiker und die Rechten euch manipulieren?

Uns geht es gut, was geht uns das an. Das sagen viele von euch, nicht wahr? Aber was, wenn ihr morgen zu den gehassten gehören würdet?
Was, wenn ich morgen zu den Gehassten gehöre?

Ein ganz normaler Tag?

NEIN!

Natürlich werde ich gut essen, etwas hören, lesen, ein Computerspiel spielen, lieben und leben. Anders wäre diese Welt ja auch nicht auszuhalten. Und Gott sei dank funktioniert auch bei mir die Verdrängung für eine gewisse Zeit. Aber immer wieder frage ich mich, wie es den Flüchtlingen geht, für die keine Unterkunft da ist, oder die bedroht und verfolgt werden? Was müssen sie über uns denken? Noch werden sie vermutlich denken, dass es ihnen zuhause schlimmer ergangen wäre. Das hoffe ich zumindest.

Wenn wir ein besseres Land wollen, eines mit Idealen, mit Gerechtigkeit, auch für uns, dann müssen wir einfach damit anfangen, anderen gegenüber gerecht zu sein. Jetzt sofort, an einem normalen Tag!

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